(Fortsetzung von Unsichtbar)
Sara
Desorientiert wacht sie auf und sieht sich um. Sie liegt auf einer abgenutzten Couch in einem schummrig beleuchteten Raum. Panik erfasst sie. Was ist passiert? Weshalb ist sie hier? Sara versucht sich zu erinnern, was für ein Tag es ist. Dunkel erinnert sie sich daran, dass sie an der Uni gewesen ist. Später dann stand sie lange vor dem Spiegel, weil …, weil … Timo! Sie hätte heute ihr erstes Date mit Timo gehabt, doch dann war etwas passiert. Hat sie einen Unfall gehabt? Nein, dann wäre sie doch nicht hier auf dieser Couch. Vorsichtig sieht sie sich genauer um. Das schummrige Licht kommt von Kerzen, die fast den gesamten Fussboden bedecken. Am anderen Ende des Raums steht ein runder Tisch. Er ist festlich gedeckt und Sara erkennt mehr Kerzen.
«Was zum Teufel?», murmelt sie leise. In diesem Moment öffnet sich die Tür zu ihrer Linken.
«Du bist wach», sagt der Mann und schaut sie an.
Im ersten Moment erkennt sie ihn nicht, doch dann fällt ihr alles wieder ein. Sie schlingt die Arme um ihre angezogenen Knie und rückt etwas weiter zurück.
«Was willst du von mir?», fragt sie und versucht dabei eine feste Stimme zu bewahren.
Bevor Martin etwas erwidern kann, erscheint eine zweite Gestalt im Türrahmen.
«Überraschung!», ruft Timo mit einem breiten Grinsen im Gesicht.
Sara starrt die beiden Männer ungläubig an. «Was wird hier gespielt?», fragt sie und steht auf, um nicht Unterlegen zu sein.
«Willkommen an unserem ersten Date», sagt Timo übermütig und umfasst mit einer Handbewegung den Raum.
Sara versteht überhaupt nichts. Sie möchte etwas sagen, doch Timo kommt ihr zuvor.
«Ich wollte dich beeindrucken und da du so unglaublich gerne Thriller und True Crime-Podcasts magst, dachte ich mir, das wäre mal etwas Anderes.»
«Und deshalb hast du mich betäuben und entführen lassen?», fragt Sara ungläubig. Dann schaut sie Martin an und sagt: «Und du hast mitgemacht? Wie bescheuert seid ihr eigentlich?»
Timos siegessicheres Grinsen wird schmaler. Martin setzt zu einer Antwort an, aber Timo bringt ihn mit einem Blick zum Schweigen.
«Es war ganz leicht, Martin zu überzeugen. Wir haben uns vor einer Weile zufällig in einem Café getroffen und uns kurz unterhalten.»
Martin tritt unbehaglich von einem Fuss auf den anderen, doch Timo fährt unbeirrt weiter.
«Er hat sofort begonnen von dir zu schwärmen. Dass der Loser jedoch nicht bei dir landen wird, habe ich sofort gecheckt. Schliesslich haben wir einander bereits täglich Nachrichten geschrieben.»
Martins Gesichtsausdruck wirkt jetzt gequält. Er sieht aus wie ein geschlagener Hund. Sara versteht noch immer nicht ganz, was vor sich geht.
«Unser Kumpel Martin hier ist ein Stalker. Er hat dein Handy angezapft und war ganz besessen von der Idee, mit dir auszugehen.» Timo lacht verächtlich und schlägt Martin mit der Hand auf den Rücken.
«Du hast mich ausgenutzt», murmelt Martin kaum hörbar.
«Du bist doch krank, Alter!», sagt Timo gehässig. «Man stalkt nun mal nicht seine Mitmenschen und wenn man es tut, erzählt man es doch nicht dem erst besten Kumpel weiter.»
Martin wollte noch etwas sagen, doch wieder liess ihn Timo nicht zu Wort kommen.
«Sagt jetzt bloss nicht, du dachtest, wir seien Freunde. Mit so jemandem wie dir gebe ich mich doch nicht ab.» Und an Sara gewandt fuhr er fort: «Ich habe den Plan perfekt eingefädelt. Es bedurfte nicht vielen Andeutungen, um ihn davon zu überzeugen, dich zu entführen. Er hat natürlich gedacht, es sei sein Date. Doch daraus wird auch heute nichts werden.»
Sara schüttelt ungläubig den Kopf und drückt eine Handfläche an ihre pochende Stirn. «Du lässt mich für ein Abendessen entführen? Hast du sie nicht mehr alle?»
«Ach komm schon, Sara! Das war eine klasse Aktion. Ich bin sogar extra an deinem Haus vorbeigefahren und habe den versetzten Freund gespielt. Das war filmreif!»
Filmreif für wen?, schiesst es Sara durch den Kopf. Ausser Timo selbst, hat das ja niemand mitbekommen. «Du bist ein widerwärtiges Arschloch, Timo!», ruft Sara und macht einen Schritt auf die beiden zu. Sie verpasst ihm eine schallende Ohrfeige, schiebt Martin aus dem Weg und flieht aus dem Raum.
Sie findet sich in einer Wohnung wieder. Im Eingangsbereich sieht sie ihre Tasche. Kochend vor Wut reisst sie sie an sich und schlägt die Wohnungstür mit einem lauten Knall hinter sich zu. Schnell entfernt sie sich vom Wohnhaus. Einige Strassen weiter ruft sie ein Taxi.
«Wohin geht es heute», fragt der Fahrer und lächelt ihr freundlich zu.
«Zum nächsten Polizeipräsidium», erwidert Sara knapp. Sie kann nicht glauben, was diese zwei Idioten ihr angetan haben.
Das ist eine Wendung bzw. Entwicklung, die ich tatsächlich nicht erwartet habe. Und wie perfide das Ganze eingefädelt war.
So etwas entspringt also einfach so Deiner Fantasie, liebe Natalie … Hmmmm 😉
Jedenfalls macht Deine kleine Geschichte auch auf etwas aufmerksam, was ja leider gar nicht so selten ist: Das Überschreiten von Grenzen – hier gezeigt mit Hinweis auf das Stalking, den Missbrauch von Vertrauen und Freundschaft und das Benutzen von Menschen.
Leider habe ich ein bisschen Sorge, dass die Sara aus Deiner Geschichte bei der Polizei nicht so viel Unterstützung finden wird. – Ich kann mir die ganzen Vorwände und Fragen („Haben sie Zeugen?“ , „Na ja, da steht nun Aussage gegen Aussage.“ usw.) ziemlich bildhaft und real vorstellen …
Vielen lieben Dank für das Teilen Deiner Geschichte, ich bin schon sehr gespannt auf Deine nächsten Einträge.
Viele liebe und ganz freundliche Grüße an Dich! 🌻
LikeGefällt 1 Person
Danke, dass du dir einmal mehr Zeit für ein Feedback genommen hast.
Einfach so entspringt das nicht meiner Fantasie. Das war schon Arbeit 😉
Ja, wahrscheinlich wäre die Polizei nicht zwingend hilfreich, doch das lasse ich mal offen.
Liebe Grüsse
LikeGefällt 1 Person
Oh, das wollte ich mt meiner Bemerkung ganz und gar nicht in Zweifel ziehen – ich bin überzeugt davon, dass das mit Arbeit verbunden war.
Es war eher so ein „Hmmmm“ des Respekts, der Bewunderung. Denn dass jemand so „abgründige“ Handlungsweisen als Idee ersinnen kann und sich dazu ja auch irgendwie da hinein versetzen muss, das ist für mich immer, wenn es mir begegnet, nahezu unglaublich. Aber eben darin liegt ein gutes Stück schriftstellerische Meisterschaft, denke ich.
Hast Du mal Dostojewskis „Schuld und Sühne“ gelesen, liebe Natalie? Letztlich das Psychogramm eine Mörders. Ganz fantastisch, vor allem im eben charakterisierten Sinne.
Schöne Spätabendgrüße in die Schweiz an Dich!.
LikeGefällt 1 Person
Nein, ich habe Schuld und Sühne bis jetzt noch nicht gelesen. Vielleicht sollte ich mir das mal zulegen 🙂
LikeGefällt 1 Person