Unsichtbar

(Fortsetzung von Perfektes Date)

Martin
Konnten Menschen durchsichtig sein? Physikalisch war das nicht möglich, das wusste er. Trotzdem hatte er das Gefühl, genau das zu sein: Unsichtbar. Andere Menschen nahmen ihn nicht wahr. Das war in der Schule so und daran hatte sich bis heute nichts geändert. Manchmal wünschte er sich, er wäre in der Schule gemobbt worden. Er wusste, das war ein böser Gedanke. Doch er konnte das Gefühl nicht abschütteln, dass er selbst dafür zu unwichtig gewesen war.

Stets hatte er gedacht, es würde alles besser werden, wenn er aus seinem Heimatkaff wegzog und sich in der Stadt ein eigenes Leben aufbaute. Er hatte sich getäuscht. Seit vier Jahren arbeitete er jetzt schon bei derselben Versicherung und noch immer kannte der Abteilungsleiter seinen Namen nicht. Er schaute sich im Spiegel an: braunes Haar, braune Augen, keine markanten Gesichtszüge. Er hatte ein Allerweltsgesicht. Achselzuckend wandte er sich ab und ging zurück ins Wohnzimmer. Eine Wand war komplett zugekleistert mit Bildern einer schwarzhaarigen Frau. Darüber stand in krakeliger Schrift: Sara.

Welch herrlicher Zufall, dass er sie ausgerechnet hier in der Stadt wiedergetroffen hatte. Sie hatte ihn nicht gleich erkannt. Natürlich nicht. Wenn er nicht so schnell reagiert hätte, wäre sie einfach an ihm vorbei gegangen.

«Sara, hey», hatte er ihr zugerufen und sie angelächelt.
Sie hatte ihn zuerst verwirrt angesehen und dann sein Lächeln erwidert. «Hi! Martin oder? Wir kennen uns doch aus der Schule», hatte sie geantwortet und sein Herz hatte einen Schlag ausgesetzt.

Nachdem sie einige Minuten unverfänglich geplaudert hatten, hatte er all seinen Mut zusammengenommen, um Sara nach ihrer Nummer zu fragen. Er hatte das Zögern in ihren Augen gesehen, doch beschlossen es zu ignorieren. Sie hatten Nummern ausgetauscht und sich dann verabschiedet.

Über eine Woche lang hatten sie einander regelmässig geschrieben, doch dann antwortete sie ihm plötzlich nicht mehr. Er war enttäuscht, wollte wissen, was er falsch gemacht hatte. Deshalb rief er einen alten Bekannten an. Als Teenager hatten sie oft gemeinsam übers Internet gezockt. Der Typ kannte sich ganz schön aus im World Wide Web. Martin wäre nicht überrascht gewesen, wenn er hauptberuflich Hacker geworden wäre. Unter einer fadenscheinigen Begründung, liess er sich von seinem Kumpel ein Programm installieren, mit dem er Saras Handy tracken konnte. Er begann ihr nach Feierabend und am Wochenende unauffällig zu folgen. Zum ersten Mal hatte seine Unscheinbarkeit Vorteile.

Er war überrascht, sie nie mit einem Typen zu sehen. Sie ging immer nur mit Freundinnen weg. Ein neuer Freund wäre für Martin die naheliegendste Erklärung für ihren Kontaktabbruch gewesen. Er wurde wütend, dass Sara ihn einfach so abserviert hatte. Was hatte er ihr je getan, um das zu verdienen? Sie wären perfekt zusammen.

Mittlerweile wusste er auch, wo sie wohnte. Schon mehrmals hatte er mit dem Gedanken gespielt, einfach bei ihr zu klingeln. Getraut hatte er sich jedoch nie. Was sollte er auch sagen? Dass er ihren Namen zufällig auf dem Klingelschild gelesen hatte, würde sie ihm nie glauben.

Er war es leid, nie gesehen zu werden und immer den Kürzeren zu ziehen. In seinem Kopf formte sich ein Plan, vor dem er anfangs zurückschreckte. Aber er wollte ja nur nochmals in Ruhe mit ihr reden. Sie davon überzeugen, dass sie zusammengehörten. Ihr all das sagen, was er sich in ihrer gemeinsamen Schulzeit nicht getraut hatte.

Es sollte ein perfektes erstes Date für sie beide sein.

Der dritte und letzte Teil folgt demnächst.

7 Gedanken zu “Unsichtbar

  1. sternfluesterer schreibt:
    Avatar von sternfluesterer

    Hmmm, es formt sich etwas in meinem Kopf, nachdem ich diesen Teil Deiner Geschichte, quasi ja einen Rückblick, der der Handlung im ersten Teil vorausging, gelesen habe. Nun bin ich noch gespannter auf die Fortsetzung!

    Es gelingt Dir sehr gut, im Kontext so kurzer Sequenzen, eine wirkliche Spannung aufzubauen – das finde ich sehr beeindruckend.

    Es ist so schön, dass Du das Schreiben so liebst!

    Auch heute wieder aufrichtig liebe Grüße an Dich, Natalie!

    Gefällt 1 Person

      • sternfluesterer schreibt:
        Avatar von sternfluesterer

        Ich komme immer wieder sehr gern hier auf Deine seite.

        Manchmal habe ich Dich auch schon auf Instagram besucht. Allerdings habe ich, außer hier bei wordpress, nirgendwo einen anderen account, und so kann ich immer nur begrenzt lesen dort, weil ich mich sonst selbst anmelden müsste. Und ich kann halt dort auch nicht schreiben. Sonst hätte ich schon manches mal auch dort einen kleinen Kommentar hinterlassen – über Bücher, über das Schreiben in Austausch sein zu können, finde ich so schön und mich immer bereichernd.

        Mir gefällt es sehr, wie Du mit Büchern umgehst, wie Du augenscheinlich Sprache schätzt, und, wie ich zuletzt schon geäußert habe, dass Du so gern schreiben magst. Und, wenn ich das einmal so sagen darf: In Dir wohnt augenscheinlich ein sehr freundlicher, kluger und respektvoller Charakter – das empfinde ich als ebenso sympathisch wie besonders.

        Ich bin also vor allem dankbar, hier lesen zu dürfen.

        Gern würde ich Dich freilich auch manches fragen, manches von Dir erfahren dürfen. Ich weiß aber nicht, ob Dir das hier zu weit gehen würde oder Du das überhaupt zulassen möchtest.

        Mit ein, zwei Fragen probiere ich es jetzt aber einfach mal:

        Ich würde gern wissen, woher Deine Leidenschaft zu lesen und Dein Interesse am Schreiben kommt. Wie ist das entstanden, hat Dich jemand hingeführt zu diesem Interesse und wann hat es begonnen?

        Und dann wäre es schön, wenn ich wissen dürfte, welche Autoren bzw. Romane zu denen gehören, die Du besonders gern gelesen hast, die Du empfehlen würdest (vielleicht auch kurz, warum).

        Na ja, und dann ist da doch noch eine dritte Frage: Hast Du schon einmal etwas von dem, was aus deiner eigenen Feder stammt in einem anderen Rahmen veröffentlicht als hier im Blog?`(Hast Du zum Beispiel schon mal eine Anthologie oder einen Roman veröffentlicht?)

        Ich habe noch mehr Fragen, aber ich möchte es nicht übertreiben und vor allem hier keinen Rahmen sprengen, den Du selbst gewahrt wissen willst.

        Ich lasse Dir viele freundliche und liebe Grüße hier, Natalie!

        Like

      • meleskript schreibt:
        Avatar von meleskript

        Hi
        Danke für deine Beobachtungen und Fragen. Ich teile gerade in den sozialen Medien auch persönliche Informationen, möchte aber auch nicht zu „öffentlich“ leben.
        Gerne gehe ich jedoch auf deine Fragen ein.
        Meine Leidenschaft zum Lesen habe ich schon in der Kindheit gelernt. Wir hatten keinen Fernseher und haben schon immer viel gelesen in der Familie. Das hat sicher wesentlich zu meiner Leseliebe beigetragen. Wie ich zum Schreiben gekommen bin, kann ich nicht so genau sagen. Ich habe eine blühende Fantasie und denke mir gerne Geschichten auf. Seit ich einigermassen schreiben kann, habe ich diese dann verschriftlicht.

        Was ich besonders gerne gelesen habe:
        – Benedict Wells, Vom Ende der Einsamkeit: Eine wunderschöne Geschichte über das Leben und die Liebe, sehr realistisch, trifft mitten ins Herz
        – Mareike Fallwickl, Dunkelgrün fast Schwarz: Ein Roman über Abhängigkeit in Freundschaften, sehr gut geschrieben mit einem Tick Sarkasmus
        – Paolo Cognetti, Acht Berge: Ein ruhiger Roman über das Leben und die Berge, sehr schön geschrieben
        – Gerne mag ich ausserdem Kristin Hannah oder auch Alex Capus.
        Das mal so auf die Schnelle 🙂

        Nein, bis jetzt habe ich noch nichts veröffentlicht mit Ausnahme von einigen Artikel für die Studierendenzeitschrift meiner Universität. Obwohl ich immer geschrieben habe, hat es kaum je jemand gelesen. Mit diesem Blog habe ich einen ersten und positiven Schritt in die Welt gewagt. Im Moment plane ich tatsächlich einen Roman. Mal sehen, wie sich das entwickelt.

        Ich hoffe, ich konnte deinen Fragen in diesen wenigen Zeilen gerecht werden.

        Liebe Grüsse
        Natalie

        Gefällt 1 Person

      • sternfluesterer schreibt:
        Avatar von sternfluesterer

        Vielen Dank für Deine so ausführlichen Antworten auf meine Fragen. Das ist sehr freundlich, sehr lieb, von Dir, liebe Natalie.

        Deine Liste dessen, was Du besonders gern gelesen hast, ist für mich ebenso interessant wie überraschen. Denn ich muss gestehen, dass ich noch keines der dort aufgeführten Bücher gelesen habe. – Nun habe ich zunächst einmal Ansporn, mal ein bisschen auf die Suche zu gehen, um etwas zu den von Dir so geliebten Werken zu erfahren. – Ich „fürchte“, dass ich dann selbst gern da eine oder andere (oder gar alle) dieser Bücher lesen möchte. Angesichts meines Stapels eh‘ noch ungelesener Bücher und der beschränkten Platzkapazitäten, wird das freilich kein ganz einfaches Unterfangen. (Vermutlich kennst Du diese „Problemlage“ 🙃)

        Oh, ich finde es toll, das Du ernsthaft planst, einen Roman zu schreiben. Darf ich wissen, in welchem Genre er sich bewegen wird? (Ich bin natürlich noch viel „neugieriger“, aber ich verstehe, dass Du sicher noch nicht allzuviel verraten möchtest.) – Ich bin sehr gespannt und freue mich, Dich vielleicht, neben meinem Lesen hier, auch auf diesem Weg ein bisschen begleiten zu dürfen.

        Danke noch einmal, für die Zeit und die Gedanken und Inspirationen, die Du mir schenkst.

        Auch heute wieder viele liebe Grüße an Dich!

        Like

      • meleskript schreibt:
        Avatar von meleskript

        Es freut mich, dass ich dir einige Tipps geben konnte 😊 natürlich kenne ich das Problem mit dem Stapel ungelesener Bücher nur allzu gut!
        Schwierig zu sagen, was das Genre sein wird. Sicher Fiktion und es wird in Richtung Familie/Leben gehen. Du hast Recht, mehr möcht ich momentan noch nicht verraten.
        Liebe Grüsse

        Gefällt 1 Person

Hinterlasse eine Antwort zu sinachivitblog Antwort abbrechen