Versöhnung

24. Dezember. Wieder einmal war das Jahr so schnell an mir vorbeigezogen, dass ich kaum mitbekommen hatte, wie die Monate und Jahreszeiten gewechselt hatten. Aber hier war sie wieder: Die Zeit, in der man sich mit sämtlichen Familienmitgliedern versöhnte, um ein friedliches Weihnachtsfest zu feiern. Genau wie es Charles Dickens in Christmas Festivities beschrieb. Nur schien gerade das ein Ding der Unmöglichkeit für mich zu sein. Jahr für Jahr nahm ich mir vor, ihn anzurufen, nur um es dann doch nicht zu tun. Und obwohl ich mich nie dazu überwinden konnte, sass ich doch jedes Mal am 24. Dezember eine geschlagene Stunde auf dem Sofa und starrte mein Handy an. Ein einziges Mal hatte ich wenigstens seine Nummer eingetippt, jedoch nie auf den Hörer geklickt.

Ich wusste, es war nicht seine Schuld gewesen. Er hatte seine Familie quasi verlassen müssen. Dennoch hätte er besser damit umgehen können. Das Leben richtete sich nun mal nicht immer nach dem Plan eines jeden Einzelnen. Ich und meine drei jüngeren Geschwister hatten uns auch danach richten müssen, dass unsere Mutter plötzlich keine Lust mehr hatte, mit unserem Vater verheiratet zu sein. Nach zwanzig Ehejahren lernte sie in ihrem Pilateskurs einen Mann kennen, von dem sie behauptete, er passe noch besser zu ihr als der Vater ihrer Kinder. Dass er tatsächlich zu ihr zu passen schien, wurde dadurch bestätigt, dass sie auch heute noch mit ihm zusammen war.  Meiner Mutter hatte ich vergeben, auch wenn es eine Weile gedauert hat.

Mit meinem Vater hatte ich seit Jahren nicht mehr gesprochen. Und dies nagte an mir. Sonst würde ich wohl kaum immer am 24. Dezember hier sitzen und auf den dunklen Display ihres Smartphones starren, bis ich das Gefühl hatte, Wurzeln zu schlagen. 

Mein Vater hatte nicht mit der Trennung umgehen können. Er war umgehend ausgezogen und hatte drei Monate lang kein Lebenszeichen von sich gegeben. Ich war zu diesem Zeitpunkt vierzehn Jahre alt gewesen. Und obwohl ich nicht richtig begriffen hatte, was los war, verstand ich mehr als meine jüngeren Geschwister. Mit fünf, sieben und zehn Jahren waren sie alle um einiges jünger als ich und verstanden weder dass unsere Eltern sich getrennt hatten, noch weshalb unser Vater so unvermittelt von der Bildfläche verschwunden war. Ich tat mein Bestes ihnen vorzugaukeln, dass er auf einer langen Geschäftsreise war und die Zeitverschiebung so gross, dass er uns nicht anrufen konnte. Ich ging sogar so weit, eine E-Mail-Adresse zu erstellen, von der aus ich mir Nachrichten unseres Vaters schrieb.
Meine Mutter bekam das alles nicht mit oder es war ihr schlichtweg egal. 

Nach drei Monaten rief er uns dann plötzlich an. Zum Glück nahm ich das Telefon ab. Ich war wütend und enttäuscht, wollte aber nicht, dass meine jüngeren Geschwister schlecht über ihn dachten und so schilderte ich ihm kurz meine ausgedachte Geschichte und liess ihn dann mit Tanja telefonieren. Zwei Tage später kam er vorbei und überhäufte uns mit Geschenken. Meine Mutter stand missbilligend daneben, sagte aber nichts. Vater nahm mich zur Seite und versuchte mir zu erklären, weshalb er sich ein Vierteljahr nicht blicken lassen hatte, aber ich hörte ihm gar nicht richtig zu.

Von da an wurde es nur noch schlimmer. Er hatte alle paar Monate eine neue Freundin, die meist auch viel jünger als er selbst war. Da wir jedes zweite Wochenende bei ihm verbrachten, „durften“ wir jede einzelne von ihnen kennen lernen. Ich fand das schon damals unverantwortlich und wenn ich heute darüber nachdenke, schäume ich gleich wieder vor Wut. Die Kleinen verstanden natürlich nicht, weshalb immer wieder jemand anderes bei unserem Vater wohnte. Die Kleinste fragte mich einmal sogar, ob Vater das Kindermädchen extra so oft wechsle.

Nicht selten kam es auch vor, dass er uns komplett vergass. Und da unsere Mutter oft bereits mit ihrem neuen Freund weggegangen war, lag es an mir eine Pizza zu organisieren und meine jüngeren Geschwister mit Trickfilmen über die Enttäuschung hinweg zu helfen. Ich verbrachte jene Freitagabende damit, Tränen zu trocknen und für gute Laune zu sorgen. Wenn Vater sich schliesslich am nächsten Tag reumütig blicken liess, vergaben ihm die Kleinen sofort, während ich mit verschränkten Armen im Türrahmen stehen blieb und ihn ignorierte.

Mit sechzehn weigerte ich mich schliesslich, jedes zweite Wochenende bei ihm zu sein. Mit achtzehn brach ich den Kontakt zu ihm ab, nach dem er meine damals neunjährige Schwester in einem Einkaufszentrum vergessen hatte und ich sie mit dem Bus abholen musste.

Tanja, eine meiner jüngeren Schwestern, hatte mir gestern am Telefon gesagt, dass er immer wieder fragte, wies mir erging. Ausser den standardmässigen Geburtstagsgrüssen per E-Mail hörten mein Vater und ich nichts voneinander. 

Ich strich über meinen Bauch, der sich langsam zu wölben begann. Wollte ich diesem unschuldigen Kind wirklich einen Grossvater vorenthalten? Denn schliesslich hatte mir Tanja schon so oft erzählt, wie gut er mit ihren Kindern umgehen konnte und wie sehr er sich verändert hatte.

Ich seufzte tief, nahm mein Handy in die Hand und wählte die Nummer. Meine Hand schwebte über dem grünen Hörersymbol. Ich gab mir einen Ruck und klickte darauf. Mit angehaltenem Atem lauschte ich dem Freizeichen.

„Hallo?“, meldete sich eine vertraute, männliche Stimme am anderen Ende.

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