Andere Leben

Er sitzt in der Küche und schlürft verschlafen seinen schwarzen Kaffee. Draussen ist noch immer alles dunkel. Das ist immer so, wenn er aufsteht. Jeden Tag klingelt sein Wecker um genau halb 4 Uhr morgens. Er steht im Dunkeln auf und zieht die Sachen an, die er am Vorabend sorgfältig auf seinen Stuhl gelegt hat. Erst als er die Schlafzimmertür vorsichtig zugezogen hat, macht er das schwache Flurlicht an. Diese Vorsicht rührt nicht etwa daher, dass er seine schlafende Frau nicht wecken will. Die rechte Seite seines Bettes ist schon lange kalt und leer. Vielmehr kann er gerade diese Abwesenheit menschlichen Kontakts nicht ertragen. Deshalb sieht er sein Schlafzimmer nie bei Licht. Vor einigen Jahren hat er sogar den Schrank in den engen Flur gestellt, nur um nie mehr Licht im Schlafzimmer machen zu müssen. Nach einer kurzen Morgentoilette setzt er sich jeweils an den kleinen Küchentisch auf den wackligen Stuhl und trinkt seinen Kaffee. Erhellt ist der Raum lediglich von der schwachen Lampe des Dampfabzuges. Er schaut aus dem Fenster, doch kann nur Schwärze erkennen.

Um 4 Uhr schliesst er vorsichtig seine Wohnungstür ab und fährt mit dem Lift hinunter in die Garage. Dort setzt er sich in seinen alten, klapprigen Peugeot und fährt zur Arbeit. Sein Job ist das einzige, was ihm noch Spass macht in seinem Leben. Nicht etwa, weil die Aufgaben so speziell und interessant wären. Auf der Arbeit kann er seine Persönlichkeit ganz ablegen. Er ist bloss eine Hülle und sein Wesen und sein Charakter sind unwichtig. Er wird zu einem Roboter. Zumindest äusserlich. Innerlich fühlt er sich so lebendig wie sonst nie. Sein Kopf ist gefüllt mit den Geschichten anderer Menschen.

Exakt um 4 Uhr 30 hält er seinen Ausweis an die Schranke, fährt zu seinem Parkplatz und betritt wenig später das noch dunkle Gebäude. Der Sicherheitsmann begrüsst ihn wie üblich mit einem Kopfnicken und er grüsst zurück. Er nimmt den Lift und fährt ins dritte Untergeschoss. Die Frühschicht macht er schon seit Jahren. So ist er zumindest die ersten paar Stunden ganz allein. Er betritt das Lager und macht das Licht an. Die Neonröhren an den Decken flirren, blinken und gehen dann an. Das gleissende Licht irritiert ihn für einen Moment, doch dann haben sich seine Augen auch schon daran gewöhnt. Vor ihm erstrecken sich fünfzig lange Regale aus Metall, die über und über mit Büchern gefüllt sind. Zufrieden seufzt er und macht den Computer an, der auf einem Schreibtisch neben der Tür steht. Er ist schon älter und es dauert immer ein paar Minuten, bis er hochgefahren ist. Er loggt sich im System ein und ruft die eingegangenen Bestellungen auf. Wer bis 14 Uhr am Vortag bei ihnen bestellt, erhält seine Lieferung am nächsten Tag. Deshalb filtert er zuerst nach der Uhrzeit und arbeitet die Liste methodisch ab. Jetzt kommt der Teil seiner Arbeit, die er am liebsten mag: Er kann sich Geschichten ausdenken über all die Menschen, die ihre Bücher bei ihm bestellt haben.

Katrin Berger
Kochbuch für ausgewogene Ernährung, Das kleine Yoga 1×1, Mit 30 Schritten mein Leben in den Griff bekommen

Er muss fast auflachen, so offensichtlich scheint ihm die Geschichte. Ein Blick auf Frau Bergers Geburtsdatum zeigt ihm, dass sie auf die fünfzig zu geht. Bestimmt hat sie ein paar Kilos zu viel auf den Hüften und ihr Mann hat ein paar Kommentare fallen lassen in letzter Zeit. Deshalb fühlt sie sich verpflichtet, etwas dagegen zu tun. Er schüttelt den Kopf, als er das Yoga-Buch aus dem Regal nimmt. Wieso sind Männer manchmal so unachtsam mit ihrem Gerede? Wissen sie denn nicht, wie schnell sich eine Frau verunsichert fühlen kann?

Als er die drei Bücher zusammen hat, packt er sie in eine kleine Kiste, druckt den Lieferschein aus und klebt das Etikett auf das Paket. Dann widmet er sich der nächsten Bestellung.

Sara Zeller
Mein Weg zu dir, Seit du bei mir bist, Bis zum letzten Tag, Wenn du mich siehst

Er verdreht kurz die Augen, als er die Titel liest. Sara hat ganz offensichtlich ein Liebesproblem. Wieso sollte sie sonst gleich vier Bücher gleichzeitig von Nicholas Sparks kaufen? Er ist ein wenig enttäuscht, dass diese Bestellung so einfach ist. Er geht zum entsprechenden Regal und sucht die vier Romane heraus. Dann geht er zurück zu seinem Tisch. Unterwegs mustert er Cover und Titel. Die könnten allesamt austauschbar sein, denkt er sich. Er hofft, Sara gehe es nach dieser Lektüre besser.

Max Villia
Wie ich Mitarbeiter führe, Modernes Management und seine Tücken

Höchstwahrscheinlich eine Beförderung denkt er und macht sich auf die Suche. Modernes Management und seine Tücken hat über 500 Seiten. «Wie viele Tücken kann modernes Management überhaupt haben?», murmelt er leise vor sich hin, als er die beiden Bücher einpackt.

Laura Olpic
Les Désenchantées, Tender is the Night, Thérèse Raquin, The Picture of Dorian Gray

«Aha, eine Intellektuelle und Sprachliebhaberin. Oder vielleicht möchte sie das auch nur sein», sagt er. Er kann sich diese Laura vorstellen, wie sie sich in ein Kaffee setzt, um ihre Bücher zu lesen. Denn nur so bekommen andere Menschen mit, dass sie nicht einfach neuartigen, übersetzten Schund liest, sondern klassische Literatur in der Originalsprache. Vielleicht möchte sie auch jemanden beeindrucken damit. Ben zum Beispiel, dem sie neulich vor der Bibliothek über den Weg gelaufen ist. Er hat wuscheliges, braunes Haar und eine Hornbrille. Ein richtiger Nerd eben. Ihm ist beinahe sein hoher Stapel Bücher runtergefallen, als sie ihn unabsichtlich mit ihrer Sporttasche angerempelt hat. Verlegen hat sie sich entschuldigt und sie sind ins Gespräch gekommen. Er studiere Literatur und schreibe gerade eine Arbeit, hat er gesagt und gelächelt. Sie hat sofort gesagt, dass sie sehr literaturinteressiert sei und viel lese. Ben hat weitergemusst und es war ihr keine Zeit geblieben, ihn nach seiner Nummer zu fragen. Deshalb liest sie jetzt Klassiker auf der Bank vor der Bibliothek und hofft, ihm bald wieder über den Weg zu laufen. Wie bei Romeo und Julia, aber mit Happyend.

Er pfeift fröhlich vor sich hin. Langsam kommt er in Fahrt.

Henrik Pfeifer
Wenn Fische lächeln, Geerbtes Glück, Wo dein Herz wohnt, Erdbeeren im Frühling, Die Braut meines Bruders …

Ungläubig starrt er auf die Bestellung von Herrn Pfeifer. Der gute Mann hat tatsächlich zwanzig Romane von Rosamunde Pilcher bestellt. Die können unmöglich für ihn selbst sein, denkt er sich. Bestimmt hat er sie für seine Mutter bestellt. Sie musste kürzlich aus dem geliebten Haus ausziehen, weil sie nicht mehr alleine zurechtkommt. Henrik und Manuela, seine Frau, haben stundenlang am Küchentisch gesessen und darüber debattiert, was mit Henrietta, Henriks Mutter, zu machen sei.

Kurz taucht er schmunzelnd aus seiner Geschichte auf. Henrietta und Henrik! Nicht schlecht. Er gluckst vor sich hin, dann sinkt er wieder ab.

Henrik hat ein schlechtes Gewissen, weil seine Mutter in ein Altersheim muss. Manuela und er haben versucht zu einer anderen Lösung zu kommen, aber die gab es schlichtweg nicht. Henrik arbeitet viel und Manuela ist gerade befördert worden. Es läuft gut für sie. Henrik möchte ihr das nicht nehmen. Nicht nachdem sie aufgrund der Zwillinge vierzehn Jahre lang zu Hause gewesen ist. Also bleibt nur ein Heim. Sie haben fleissig im Internet recherchiert und Besuche gemacht, um das beste Angebot zu finden. Trotzdem plagte Henrik noch immer das schlechte Gewissen. Und so hat er in einer Nacht-und-Nebel-Aktion zwanzig Romane von Rosamunde Pilcher bestellt. Henrietta schaut seit Jahren die Filme im Fernsehen. Sicher wird sie sich über die Bücher freuen.

Er zählt nochmals nach, um sich zu vergewissern, dass er alle Bücher hat. Hierfür würde er eine grosse Schachtel benötigen.

Viel zu bald hört er, wie die Tür zum Lager aufschwingt und sich Schritte nähern. Er richtet sich auf und streckt seinen Kopf aus dem Regal hervor.

«Morgen», ruft Adrian ihm missmutig zu. Der junge Student hat vor zwei Monaten angefangen im Lager auszuhelfen. Er kommt immer pünktlich um halb 8 und hat stets einen unglücklichen Gesichtsausdruck. Später wird Agatha noch dazustossen. Obwohl sie alle nicht viel reden und Adrian meistens seine Kopfhörer aufhat, ist die Arbeit nicht dieselbe. Es gelingt ihm nicht ganz so gut abzutauchen wie zuvor. Deshalb freut er sich bereits um 7 Uhr 30 morgens auf den nächsten Tag und die drei Stunden, die er in vollkommener Stille im Bücherlager verbringen kann.

2 Gedanken zu “Andere Leben

  1. Beat(e)s Welten schreibt:
    Avatar von Beat Altenbach

    Immer wieder ein lustiges und kreatives Spiel: Sich identitäten auszudenken hinter der äusseren Erscheinung oder in Deinem Fall hinter der Lektüre von Menschen. Danke für diesen geteilten Moment im Bücherlager… auch wenn mich das Leben dieses Lageristen schon etwas traurig stimmt.

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