Let’s keep it real

Ich spüre den warmen Sand zwischen meinen nackten Zehen. Es ist ein herrliches Gefühl! Ich nehme einen tiefen Atemzug der salzigen Luft. Zufrieden lasse ich mich auf meine Ellenbogen sinken und beobachte halb liegend, halbsitzend meine Umgebung. In einigen Metern Entfernung kann ich das beruhigende Hin und Her des Meeres beobachten. Ein älteres Pärchen schlendert Hand in Hand den Strand entlang. Zwei Kinder spielen Fussball. Ein kleines Mädchen baut mit ihrem Vater eine Sandburg. Ich nehme meinen bunten Cocktail in die Hand und schiesse ein Foto. Perfekt für meinen nächsten Post auf Instagram. Ich nippe am Cocktail und verziehe angewidert das Gesicht. Er ist viel zu süss. Egal. Meine Follower werden nur das perfekt in Szene gesetzte Endprodukt zu Gesicht bekommen. Ich schiesse noch einige Fotos mehr. Schliesslich wollen gute Locations ausgenutzt werden. Später am Nachmittag werde ich mir noch meinen anderen Bikini anziehen und ein paar Bilder bei der Strandbar machen. Bei so vielen Bildern werde ich es bestimmt hinkriegen, auf Instagram noch zwei drei Wochen länger in den Ferien zu bleiben. Meinen langweiligen Bürojob in der tristen Stadt interessiert eh niemanden. Die Community ist knallhart und Beiträge, die von den üblichen Themen abweichen, werden schnell abgestraft. Das habe ich schon oft genug erfahren. Deshalb gehe ich nun kein Risiko mehr ein.

Der schrille Ton der Türklingel befördert mich zurück in die Gegenwart. Mein Blick fällt auf das Smartphone in meinen Händen. Mein Instagram-Feed ist noch immer geöffnet. Vor 15 Minuten habe ich ein Strandbild gepostet. Nun habe ich bereits über 500 Likes. Ich lächle zufrieden. Dass das Bild schon zwei Jahre alt ist, tut nichts zur Sache. Die Klingel ertönt erneut und ich lege mein Smartphone auf den Tisch. Dann stehe ich langsam auf. Die Einzimmerwohnung ist dunkel und muffig. Ich nehme den Abfall gar nicht mehr war, der sich auf dem Boden und den Möbeln angesammelt hat. Auf meinem Weg zur Tür steige ich über leere Pizzaschachteln, halb geleerte Chipstüten und nicht abgewaschenes Geschirr. Ich öffne die Tür gerade weit genug, um mein Abendessen vom Pizzaboten entgegen zu nehmen. Schnell schliesse ich die Tür wieder. Ich gehe zurück zum fleckigen Tisch, schiebe etwas Müll zur Seite und platziere die Pizza darauf.

Ich lebe in einer Scheinwelt, verlasse meine Wohnung kaum noch. Doch im Internet bin ich ständig unterwegs und reise durch die Welt. Ich habe mein Spiel perfektioniert, so wie ich meinen Feed perfektioniert habe. Bilder kann man zuschneiden, Ortsangaben müssen nicht immer so genau stimmen. Aus der Zeit davor habe ich noch unzählige ungebrauchte Fotos. Noch hat es niemand bemerkt. Wer sollte auch? Meinen Followern bin ich egal, so lange ich den Traum aufrechterhalte und jene Bilder hochlade, die sie von mir gewöhnt sind. Echte Freunde habe ich schon länger nicht mehr. War ja auch viel zu anstrengend. Freunde wollen ständig wissen, wie es einem geht. Sie merken schneller als die Benutzer auf Instagram, wenn etwas nicht stimmt. Im Internet ist alles perfekt. Ich bin perfekt. Und das soll auch so bleiben. Ich kann die unperfekte Version von mir nicht mehr ertragen. Deshalb habe ich auch alle Spiegel in der Wohnung abmontiert oder überklebt. Ich lebe im Internet und möchte nicht mehr zurück in die reale Welt, die so viel blasser ist als all die bunten Fotos.

Nur manchmal erfasst mich mitten in der Nacht eine lähmende Panik, die mir den Schlaf raubt. Was wenn mich plötzlich jemand auffliegen lässt? Irgendjemand wird vielleicht doch bemerken, dass das Foto nicht mehr ganz neu ist oder nicht mit dem getaggten Ort übereinstimmt. Was dann? Müsste ich mich dann wieder vor die Tür wagen und am echten Leben teilnehmen? Bei diesem Gedanken läuft es mir kalt den Rücken hinab. Ich glaube das könnte ich nicht mehr. Lieber beantworte ich Nachrichten und gebe Ratschläge aus der Zeit, in der ich noch eine funktionstüchtige Person gewesen bin.

Es hat nach jenem Strandurlaub vor zwei Jahren begonnen. Meine Bilder sind unglaublich erfolgreich gewesen und ich konnte nicht mehr genug kriegen von diesem plötzlichen Erfolg. Kurz darauf habe ich meinen Job verloren, weil ich zu oft am Handy gewesen war und zu wenig gearbeitet habe. Kein Problem, habe ich mir damals gedacht. Doch dann ist auch Instagram nicht mehr so gut gelaufen und alles irgendwie bergab gegangen. Aber schaffe ich es, mich noch über Wasser zu halten.

In letzter Zeit habe ich mich trotzdem öfters mit dem Was-wäre-wenn-Gedanken beschäftigt. Für den schlimmsten Fall habe ich mir irgendwelche Tabletten aus China bestellt, die hier bestimmt verschreibungspflichtig wären. Zurück kann ich nicht. Will ich nicht. Dann lieber dem Ganzen ein Ende bereiten.

Der Titel bedeutet auf Deutsch in etwa: Lasst uns realistisch bleiben.
Foto: Pexels

4 Gedanken zu “Let’s keep it real

  1. sternfluesterer schreibt:
    Avatar von sternfluesterer

    Es ist für mich immer eine Bereicherung, Deine Seite zu besuchen, liebe Natalie. – Dieser Text da oben wirkt auf mich mit der erschreckenden und doch ja gar nicht so außergewöhnlichen Authentizität, die Du ihm durch die Wahl Deiner Worte, die Eindrücklichkeit des gewählten Stils und nicht zuletzt durch die Geschichte selbst, gegeben hast.

    Wieder einmal musste ich mich kneifen und mir ganz bewusst sagen, dass es wohl EINE aber nicht DEINE Geschichte ist, die Du da aufgeschrieben hast. So eindringlich, so realistisch hast Du sie geschrieben.

    Ich komme ob sehr, sehr viel Arbeit (habe mich beruflich noch einmal verändert, was mit sehr großer Herausforderung für mich einher geht) bis auf Weiteres gar nicht zu den Dingen, die mir an sich so viel bedeuten, wie vor allem dem Schreiben und dem Lesen.

    Um so froher und dankbarer bin ich, dass ich diesen Text lesen konnte. Auch, wenn ich bemerken musste, wie sehr mir mein geliebtes Lesen doch grundsätzlich fehlt, seit einigen Wochen.

    Danke, dass Du mir diesen Moment geschenkt hast.

    Viele sehr herzliche und liebe Grüße an Dich in die Schweiz!

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    • meleskript schreibt:
      Avatar von meleskript

      Lieber Sternflüsterer
      Danke, dass du dir auch dieses Mal wieder die Zeit genommen hast meinen Text zu lesen und einen Kommentar da zu lassen.
      Ich bin nun seit einem Jahr als Meleskript unterwegs und freue mich immer sehr über Feedback 🙂

      Ich bin froh, ist diese Geschichte nicht die meine. Dennoch hat sich mir dieser Plot aufgedrängt und ich musste ihn auf Papier bringen. Der Perfektionismus in der Welt der sozialen Medien kann bestimmt auch schlimme Auswirkungen haben.

      Ich hoffe, du kommst bald wieder mehr zum Lesen und Schreiben!

      Viele liebe Grüsse
      Natalie

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