Drei Uhr morgens

Drei Uhr morgens. Die Welt ist dunkel. Die Welt ist still. Ich stehe in einem übergrossen T-Shirt barfuss auf dem Balkon und ziehe an meiner Zigarette. Wer jetzt glaubt, ich rauche gemütlich, nachdem ich gerade Nachhause gekommen bin, täuscht sich. Ich habe meine Wohnung heute gar nicht verlassen. Es ist die Schlaflosigkeit, die mich mitten in der Nacht auf meinen Balkon treibt. Es ist kühl draussen, obwohl die Temperaturen tagsüber bereits auf über zwanzig Grad geklettert sind. Ich lasse meinen Blick über die schlafende Nachbarschaft schweifen. In der Ferne bellt ein Hund, irgendwo ertönen die Sirenen eines Polizeiautos und unter mir fährt ein angetrunkener Velofahrer vorbei. Alles ist wie immer. Nur du bist nicht mehr da. Und wirst es auch nie mehr sein. Verlassen. Alleingelassen. Ich ziehe heftiger an meiner Zigarette.

Meine Gedanken schweifen in die Vergangenheit ab. Zurück zu unserer letzten Nacht. Unserer letzten richtigen Nacht. Ich kann mich noch so gut daran erinnern, wie du mich im Arm gehalten hast. Wir lagen nackt im Bett, die Laken verschwitzt und zerwühlt. Du hast mich aufs Haar geküsst und in diesem Moment schien die Welt perfekt zu sein. Natürlich gab es danach noch andere Nächte, aber sie waren anders. Du hast dich langsam aber stetig von mir entfernt.

Ich verbrenne mir fast die Finger an der heruntergeglühten Zigarette und mache sie rasch im bereits überfüllten Aschenbecher aus. Die Sirenen sind noch immer zu hören. Bestimmt haben ein paar übermütige Idioten sich mal wieder geprügelt. Ich überlege kurz, dann zünde ich eine neue Zigarette an. Zur Hölle mit meiner Gesundheit. Mein Leben ist so oder so ruiniert. Ich muss also auch nicht mehr auf meine Gesundheit achten.

Mein Blick fällt auf den Aschenbecher und das Foto, dass darunter befestigt ist. Ich nehme es in die Hand und blase die Asche weg. Das Bild ist ein Schnappschuss und zeigt uns zwei am See bei einem gemütlichen Picknick. Damals habe ich noch nichts geahnt. Für immer hast du gesagt. Ich kann mir ein Leben nur mit dir vorstellen. Alles Lügen. Ich war gut genug für eine Zeit lang. Nicht mehr und nicht weniger.

Die Sirenen verstummen endlich. Ich atme tief ein und wieder aus. Ich sehe dein Gesicht vor mir. Wie du gelächelt hast, als ich ungläubig eine Pistole in der Hand hielt. Deine Pistole. Keine Sorge, ich werde sie nicht gegen dich verwenden, hast du gesagt. Das sei ein Überbleibsel aus dem Militär. Dann hast du wenigstens keine Munition, habe ich erleichtert geantwortet und die Pistole zurück in die Umzugskiste gelegt. Vielleicht habe ich etwas mitgehen lassen. Man muss sich schliesslich beschützen können, hast du erwidert.

Ein Jahr später war es umgekehrt: Ich habe gelächelt und du ungläubig dreingeschaut, als ich in den Lauf der Pistole auf dich gerichtet habe. Ich wette, du hättest nicht damit gerechnet, dass ich es durchziehe. So wie ich scheinbar nichts durchziehen kann. Aber dieses Mal schon. Dieses eine Mal wollte ich es allen zeigen.

Es klopft laut an meiner Tür, doch ich gehe nicht hin. Unter mir blinken die rotblauen Lichter des Polizeiautos. So schnell schon, denke ich und drücke meine Zigarette aus. Ich habe vieles falsch gemacht in meinem Leben, aber das hier habe ich richtig gemacht. Ich habe es ordentlich zu Ende gebracht.

Ich höre wie das Holz der Eingangstür splittert und wenig später stürmen fünf schwerbewaffnete Polizisten in die Wohnung. 3 … 2 … 1 … die Balkontür wird aufgerissen, ich werde an die Wand gedrückt und einer der Polizisten legt mir Handschellen an. Sie zerren mich grob durch die Wohnung. Ich lasse ein letztes Mal meinen Blick über Wohnzimmer und Küche schweifen. So viel Glück und Leid an einem Ort vereint. Ein letztes Mal sehe ich die Pistole. Sie liegt auf dem Küchentisch. Einfach so. Neben Schlüsseln, Zeitungen und der Post. Man könnte fast meinen, sie gehöre dorthin. Die Schlafzimmertür ist fest verschlossen und das aus gutem Grund. Dorthin möchte ich nicht mehr zurückgehen. Nie mehr.

Gerade als mich der Polizist aus der Wohnung zerrt, öffnet einer seiner Kollegen die Schlafzimmertür.
«Sebastian, er ist hier. Aber ich fürchte, wir sind zu spät», ruft er einem dritten Polizisten zu.

Dann bin im Treppenhaus und stolpere ungelenk die Stufen hinunter. Ich kann die fragenden Blicke der Nachbarn förmlich spüren. Doch niemand traut sich herauszukommen. Der Türspion muss reichen. Bevor ich in den Streifenwagen einsteige, werfe ich einen letzten Blick auf den Balkon im 3. Stock. Unseren Balkon. Ein Lächeln gleitet über meine Lippen. Für immer und ewig hast du gesagt. Ich konnte nicht zulassen, dass du mich verlässt. Nicht so.

Foto: Pexels

2 Gedanken zu “Drei Uhr morgens

  1. sternfluesterer schreibt:
    Avatar von sternfluesterer

    Ich freue mich jedesmal, wenn mir im Reader ein neuer Eintrag von Dir angezeigt wird. Das ist so, weil ich mir inzwischen sicher bin, bei Dir dann einen neuen, interessanten, lesenswerten, und jedesmal irgendwie besonderern Text zu finden.

    So auch dieses mal. Eine kleine Kriminalgeschichte, aus der Sicht der Täterin geschrieben, ein kleines Psychogramm, in dem in wenigen Zeilen so viel erzählt wird. Und das so anschaulich, dass ich buchstäblich wieder Bilder gesehen habe, so, dass wirklich ein kleiner Film entstanden ist.

    Ich bin kein Literaturkritiker, schreibe die Eindrücke und Gedanken, die eine Geschichte bei mir hergerufen hat, immer nur ganz aus mir selbst, meinem Empfinden. – Insoweit möchte ich aber aus vollem Herzen verkünden, dass ich diese Geschichte hier als sehr gelungen empfinde.

    Überhaupt gefällt mir Dein Stil zu schreiben sehr. Was Du in Deinem Vorstellungseintrag hier von Dir geschrieben hast: “ … …erzähle banale Gegebenheiten immer so ausschweifend, dass der Sinn nicht mehr ganz klar ist.“, kann ich so gar nicht bestätigen.

    Bewahre Deine Geschichten, liebe Natalie!

    Viele liebe Grüße an Dich in die Schweiz!

    Bis zum Wiederlesen, auf das ich mich jetzt schon wieder sehr freue!

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    • meleskript schreibt:
      Avatar von meleskript

      Hallo lieber Sternflüsterer
      Schön, dass du den Weg wieder hierher gefunden hast, obwohl es eine Weile ruhiger war.
      Es freut mich sehr, dass dir auch diese Geschichte wieder so gut gefällt! 😊
      Auf bald und viele liebe Grüsse
      Natalie

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