Für immer verloren? (2|2)

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Mit angehaltenem Atem starre ich den Receptionisten an und warte darauf, dass er mir mehr als nur mit einem Nicken antwortet. Er schaut auf seine Hände und weicht meinem Blick aus. Es kommt mir wie eine Unendlichkeit vor, als er endlich antwortet: «Ja, er war hier. Er hat eine Woche bei uns übernachtet.»

In Gedanken schreie ich: Und dann? Wo ist er hin? Äusserlich schaffe ich es jedoch irgendwie ruhig zu bleiben. «Und nach einer Woche ist er dann abgereist?» Ich kann meine Unruhe nur schwer unterdrücken.
«Naja, so in etwa», druckst der Marokkaner herum und verstummt.

«Was soll das bedeuten?», hake ich sofort nach und kann meine Ungeduld nicht mehr richtig verbergen. Ich beginne mit einem Kugelschreiber auf der Theke herumzuspielen.

Der Mann folgt mit seinen Augen den Bewegungen des Kugelschreibers. «Er ist nicht mehr zurückgekommen und hat aber bezahlt. Nur hat er einen Grossteil seines Gepäcks nicht mitgenommen», sagt er schliesslich und reisst seine Augen vom Kugelschreiber los, um mir zum ersten Mal in die Augen zu sehen.

«Er hat? Was? Wieso?», stammle ich. Mir wird heiss, dann kalt und alles beginnt sich zu drehen. Er hat seine Sachen da gelassen?

Der Marokkaner scheint zu bemerken, dass mir nicht gut ist, denn er eilt um die Theke herum, nimmt mich beim Arm und führt mich zu einem Sofa. Ich setze mich wiederstandlos hin. Dankbar nehme ich das Glas Wasser entgegen, dass er mir kurz später reicht. Dann steht er etwas unbeholfen vor mir, die Hände tief in den Taschen seiner weiten Hose vergraben.

«Bitte erzählen Sie mir alles, was Sie über ihn wissen», sage ich, sobald ich mich wieder etwas gefasst habe. Ich deute auf einen Sessel mir gegenüber und er setzt sich. Die Situation scheint ihm sehr unangenehm, was ich auch verstehen kann. Doch ich muss jetzt Antworten bekommen.

«Ich bin seine … Ich kenne ihn sehr gut. Er ist seit einem Jahr verschwunden und ich muss einfach wissen, was passiert ist. Mein Name ist Linda», füge ich an.

Der Marokkaner schaut mich betroffen an. «Amrane», sagt er schliesslich nach einer kurzen Pause. «Er war sehr umgänglich. Hat immer mit allen geredet und sich auch mit uns, dem Personal, angefreundet.»

Mein Herz zieht sich zusammen. Ich kann mir haargenau vorstellen, wie er sich auf der Theke abgestützt hat, um mit dem Personal zu plaudern. Er hat sich schon immer für fremde Kulturen interessiert. Während ich einen Grossteil meines Wissens aus Büchern habe, geht er lieber reisen und spricht persönlich mit den Leuten.
«Wieso sind seine Sachen noch da?»

Amrane blickt auf seine verschränkten Hände. «Am Abend vor seiner Abreise ist er kurz nach Schichtwechsel zurück ins Hostel gekommen. Ich kam gerade aus dem Hinterzimmer und wollte mich verabschieden, als ich ihn angeregt mit dem Nachtportier diskutieren sah. Ich bin dann dazu gestossen. Wir haben lange darüber gesprochen, ob materieller Reichtum glücklich macht. Dabei hat er immer wieder betont, dass er sich durchaus vorstellen kann, mit noch weniger Habseligkeiten auszukommen.»

Ich kann meine Tränen nicht mehr zurückhalten und sie laufen mir stumm über die Wangen. Das klingt haargenau nach ihm. Nach Lars. Meinem Lars. «War er bedrückt?», höre ich mich sagen.
«Nein, im Gegenteil. Er war fröhlich, aber nicht zu fröhlich. Verstehen Sie, was ich meine?»
Ich nicke zur Bestätigung. Also war er vermutlich nicht auf Drogen, signalisieren mir meine Gedanken.

«Ja und am nächsten Tag ist er gegangen. Ich hatte leider nicht Schicht und deshalb weiss ich auch nicht, was er genau gesagt hat. Als ich am Abend zur Arbeit gekommen bin, habe ich natürlich gesehen, dass sein Gepäck noch da ist. Aber ich habe mir gedacht, dass er wohl noch unterwegs ist und später vorbeikommt. Nach ein paar Tagen vermuteten wir alle, dass er einen Trip unternommen hat und nicht alles mitnehmen wollte. Sie müssen wissen, dass der Receptionist an jenem Tag noch ganz neu war und deshalb auch nicht richtig nachgefragt hat.»

Ich nicke erneut. Was soll ich auch sagen? Es kann noch immer alles passiert sein, seit Lars das Hostel verlassen hat.
Amrane schaut mich entschuldigend an. Dann sagt er: «Wir haben den Rucksack aufbewahrt. Für alle Fälle. Möchten Sie ihn sehen? Sie ihn gerne mit ins Personalzimmer nehmen und in Ruhe alles durchgehen.»
«Gerne», sage ich dankbar und erhebe mich. Meine Beine fühlen sich an wie Pudding doch ich schaffe es irgendwie Amrane zu folgen.

Dann sitze ich da. Mit seinem Rucksack auf einem wackeligen kleinen Tisch. Der Raum ist eng, aber dennoch gemütlich. Ich und dein Rucksack wirken irgendwie fehl am Platz. Ich brauche bestimmt fünf Minuten, bis ich mich dazu überwinden kann die Schnalle zu öffnen. Dieser alte, abgewetzte Rucksack, den schon seinem Vater gehört hat, war so wichtig für ihn. Ohne diesen Rucksack ging er auf keine Reise. Einmal habe ich es gewagt ihm vorzuschlagen, er solle doch einen normalen Rollkoffer mitnehmen. Entrüstet hat er mir einen viertelstündigen Vortrag darüber gehalten, weshalb genau dieser Rucksack auf all seinen Reisen dabei sein müsse. Mein Magen zieht sich noch enger zusammen. Er würde ihn doch nicht zurücklassen. Oder? Er hat jedoch auch immer gesagt, er wird mich nie zurücklassen. Alles leere Versprechungen? Ich schiebe die Gedanken beiseite und räume langsam den Inhalt des Rucksacks aus. Kleidung, Unterwäsche, ein Buch, einige Hygieneartikel. Ich kann nichts Ungewöhnliches finden. Ich möchte die Sachen schon wieder einräumen, als ich ganz unten einen verknitterten Umschlag entdecke. Mein Herz setzt einen Schlag aus, nur um dann wie wild zu rasen. Vorsichtig nehme ich den Umschlag heraus. Linda steht in seiner unverkennbaren Schrift darauf. Mit zitternden Fingern öffne ich den Umschlag. Darin steckt eine Postkarte. Ich kann die unverkennbar üppige Vegetation des Jardin Secret darauf erkennen und beginne zu weinen. Es war beinahe, als hätte er gewusst, dass mich mein Weg dorthin bringen würde. Ich möchte die Karte nicht umdrehen, um den Text zu lesen. Denn irgendwie weiss ich bereits, was darauf stehen wird.

Linda
Ich weiss, wenn jemand diese Karte findet, dann bist es du. Du wirst niemals aufhören, an mich zu glauben. Es tut mir so leid, dass ich dich im Stich lassen muss. Ich habe dir versprochen, nie zu gehen, aber ich kann einfach nicht mehr. Versuch mich nicht zu finden. Ich werde zurückkommen, wenn ich bereit bin.
Dein Lars

Ich beginne unkontrolliert zu schluchzen. Die Karte rutscht mir aus den Händen und fällt mitsamt Umschlag zu Boden. Ein Foto rutscht heraus. Eine Hälfte wurde abgerissen. Auf der anderen erkenne ich unsere Eltern im Urlaub. Es ist am Meer in Südfrankreich entstanden. Das vollständige Foto zeigt uns alle vier glücklich lachend. Die Hälfte mit uns beiden hat er behalten.
Mein Schmerz wird unerträglich. Oh Bruderherz!

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