Für immer verloren? (1|2)

Ich steige die Aussentreppe hinunter und die warme Luft hüllt mich sofort ein. Zum Glück habe ich meinen Wintermantel nicht mehr angezogen. Ich sehe mich auf dem Flugplatz um, kann jedoch nicht viel Interessantes entdecken. Vor mir ragt das imposante, moderne Gebäude des Flughafens von Marrakesch auf. Ich bin etwas überrascht und schäme mich im selben Moment ein wenig dafür, dass ich mir das Flughafengebäude heruntergekommener vorgestellt habe.

Geführt von einem Flughafenmitarbeiter, gehe ich mit den anderen Passagieren über das Rollfeld auf die Schiebetüren des Gebäudes zu. Ich bin nervös und muss immer wieder an ihn denken. Gleichzeitig habe ich ein ungutes Gefühl im Magen. Alle haben mir gesagt, dass es keinen Sinn haben wird und ich nicht meine Zeit mit jemandem vergeuden soll, der nicht gefunden werden möchte. Ich weigere mich ihnen zu glauben, aber es scheint so, als hätten ihre Warnungen trotzdem etwas auf mich abgefärbt.

Meine Mutter hat mich Zuhause fest an sich gedrückt und mit tränenerstickter Stimme gesagt: «Bitte, tu das nicht. Lauf ihm nicht hinterher.» Es ist jetzt ein Jahr her und alle ausser mir scheinen ihn bereits abgeschrieben und vergessen zu haben.

Der Beamte der Einreisekontrolle winkt mich ungeduldig zu sich und ich reiche ihm lächelnd meinen Pass und das Formular, das ich im Flugzeug ausgefüllt habe. Als Grund der Reise habe ich Ferien angegeben, obwohl ich mir nicht ganz sicher bin, ob das stimmt.

Als ich endlich meinen Rucksack vom Gepäckband genommen und ein wenig Geld gewechselt habe, nehme ich mir ein Taxi in die Stadt. Ich habe ein Zimmer in einem Hostel am Rande der Altstadt reserviert. Es sieht zwar nicht sehr gemütlich aus, aber es ist der letzte Ort an dem er gesehen wurde.

Der Taxifahrer fährt mich zum Rand des Djemaa el Fna, der zentrale Marktplatz Marrakeschs und gleichzeitig Orientierungspunkt für alle Leute, die sich in der Altstadt verlaufen haben. In jedem Reiseführer steht, dass man diesen Platz garantiert immer findet, auch wenn man in der Medina hoffnungslos die Orientierung verloren hat. Der Taxifahrer erklärt mir, dass der Platz nur am Morgen für Autos zugänglich sei und er mich deshalb hier rauslassen müsse. Ich bedanke mich bei ihm und bin mal wieder froh, dass ich im Französischunterricht keinen Fensterplatz gehabt habe.

Ich steige aus dem Auto und blicke mich etwas verloren um. Hinter mir ragt das imposante Minarett einer Moschee empor. Ich schirme meine Hand gegen die Sonne ab und betrachte den hohen Turm. Das ockerfarbene Gemäuer lässt das Minarett schlicht erscheinen. Trotzdem sind die Fenster und Torbogen typisch orientalisch verziert. Ich wende mich ab, doch noch bevor ich auch nur einen Schritt gehen kann, werde ich bereits von zahlreichen Händlern belagert. Sie schwirren wie ein Schwarm Fliegen um mich herum und wollen ihre Armbänder, Teelichter, Sonnenbrillen oder T-Shirts verkaufen. Ich lehne dankend ab und mache mich auf in Richtung meines Hostels. Es ist nicht direkt in der Medina, aber nur zwei Seitenstrassen weiter. Ich habe es schnell gefunden, auch weil mir die Fassade mittlerweile so vertraut ist. Im Innern des Gebäudes gibt es nur wenig Tageslicht und ich zweifle zum ersten Mal an meiner Entscheidung. Doch der junge Mann hinter dem Tresen lächelt mich freundlich an und zeigt mir sogleich mein Schlafplatz in einem der Mehrbettzimmer. Ich verstaue meine Sachen und setze mich für einen Moment auf die Bettkante. Aus meinem kleinen Rucksack nehme ich eine ziemlich mitgenommene Postkarte hervor und studiere sie eingehend, obwohl ich sie mir schon unzählige Male angeschaut habe. Darauf zu sehen ist das Hostel, in dem ich mich nun befinde. Diese Postkarte ist das letzte Lebenszeichen von ihm. Nichts deutet darauf hin, dass er mich nur Tage später einfach im Stich lassen wird. Ich seufze tief und versuche meine Tränen zurückzuhalten. Ich habe schon zu viele für ihn vergossen. Ich ruhe mich noch ein wenig aus, aber schon bald packt mich die Neugier nach dieser mir unbekannten Kultur. Ich werde mich zuerst etwas umsehen, bevor ich meinen Mut zusammennehme und mit dem Personal des Hostels spreche. Ich nehme dieses Mal nur meinen kleinen Rucksack mit. Auch er erinnert mich unweigerlich an ihn. Es ist eine sehr offensichtliche Kopie einer schwedischen Marke, deren Namen ich nie richtig aussprechen kann und er hat mich ständig damit aufgezogen.

Ich gehe zurück auf den Djemaa el Fna und tauche in die verwinkelten Gassen der Medina ein. Es ist kurz nach Mittag und viele der kleinen Läden machen den Eindruck, als hätten sie gerade erst aufgemacht. Einige der Inhaber sind sogar noch dabei sauber zu machen. Einmal muss ich einen regelrechten Satz zur Seite machen, um nicht von einem Eimer Wasser getroffen zu werden.

Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie man sich in der Medina in nur kürzester Zeit verlaufen kann. Viele der abzweigenden Gassen haben überhaupt keine Namen und alles sieht so ähnlich aus. Die beinahe lückenlosen rotbraunen Mauern haben kaum Fenster, sondern werden lediglich von festverschlossenen Eisentüren unterbrochen. Marrakeschs Privatleben spielt sich hinter den hohen Mauern in den Innenhöfen hab. Alles sieht irgendwie gleich aus. Ich verliere die Orientierung jedoch nicht ganz, denn zu meiner Beruhigung sehe ich in regelmässigen Abständen Schilder, die den Weg zurück zum grossen Marktplatz weisen.

Die Andersheit Marrakeschs hat mich bereits in ihren Bann gezogen. So etwas habe ich bis anhin nur in Filmen gesehen und in Büchern gelesen. In den etwas breiteren Gassen herrscht geschäftiges Treiben, während die engeren Nebengassen verlassener sind. Ich lasse mich von der Menschenmenge treiben, die mich tiefer in die Medina und somit ins Zentrum der Souks führt, wie die Marktgassen genannt werden. Eilig sollte es man hier wohl besser nicht haben. Unter die Touristen und Einheimischen zu Fuss mischen sich auch Mopedfahrer, Eselkarren und Fahrräder. Nicht selten sind die Gassen zu eng für den vielen Verkehr und mir bleibt beinahe das Herz stehen, wenn sich ein Moped zu nahe an einem Fussgänger vorbeifährt. Doch das System funktioniert und folgt wohl seinen ganz eigenen Regeln. Ich finde schnell heraus, dass ich am sichersten bin, wenn ich am Strassenrand bleibe.

Schon bald bin ich richtig in den Souks angekommen die kleinen Läden reihen sich dicht an dicht gedrängt aneinander. Ich mustere die Auslage interessiert. Als erstes fallen mir die zahllosen Gewürze auf, die in grossen offenen Säcken vor den Läden präsentiert werden. Rot, orange, gelb, braun – die intensiven Farben ziehen mich richtig in ihren Bann. Die Menge und der intensive Geruch sind überwältigend. Ein Laden weiter füllt der Verkäufer gerade ein oranges Gewürz in einen kleinen Plastiksack ab und überreicht diesen dann einem Touristen. Zufrieden lächelnd gehen der Käufer und seine Frau weiter. Der Ladenbesitzer setzt sich wieder auf den Plastikstuhl vor seinem Lokal und beobachtet das Treiben in den Souks. Mir fällt zum ersten Mal auf, dass sich zwar viele einheimische Frauen auf den Strassen aufhalten und Einkäufe tätigen, die Ladenbesitzer jedoch ausschliesslich Männer sind. Selbst die zahlreichen Schmuckläden werden von Männern geführt.

Während ich mich langsam fortbewege, werde ich unzählige Male von Verkäufern angesprochen. Doch ich kann mich ihnen jeweils mehr oder weniger geschickt entziehen. Ich brauche erst noch etwas Zeit, bevor ich mir etwas kaufe. Die Auswahl zwischen traditioneller Kleidung, Taschen, Hamam-Tüchern, Pantoffeln und und und ist auch so schon überwältigend genug.

Besonders gut gefallen mir jene Läden, die orientalische Lampen verkaufen. Die Regale an den Wänden sind über und über mit Lampen in allen Grössen und Formen zugestellt und auch von den Decken hängen unzählige der Lampen. Die Medina ist eine regelrechte Reizüberflutung sämtlicher Sinne. Meine Augen können all die Eindrücke gar nicht aufnehmen und der Lärm der Stimmen und Mopeds sowie die zahlreichen Gerüche überfordern mich richtiggehend. Gepaart mit der heutigen Reise und meinem emotional aufgewühlten Zustand, fühle ich mich ziemlich schnell erschöpft. Daher kommt es mir gerade recht, als ich unverhofft vor dem Eingang des Jardin Secret stehe. Für mich hört sich das genau nach jener Ruhe an, die ich jetzt gebrauchen kann. Ich betrete das Gebäude, bezahle den Eintritt und betrete den Garten. Der Gegensatz zum Chaos in der Medina ist beinahe greifbar. Es herrscht eine wunderbare Ruhe und ich sehe grün so weit das Auge reicht. In der Medina ist die dominierende Farbe das Rotbraun der Hauswände und durch die beinahe lückenlose Bauweise dringt in die besonders engen Gassen kaum ein Sonnenstrahl. Der Jardin Secret ist jedoch hell und sonnendurchflutet. Ich befinde mich in einer grünen Oase der Ruhe. Palmen und Laubbäume säumen die gepflasterten Wege und kleine Kanäle sorgen für das nötige Wasser. Die üppige Vegetation hat zahlreiche gemütliche Rückziehorte gezaubert, in denen elegante Bänke oder kleine Tischchen und dazugehörige Stühle stehen. Es ist unglaublich, wie hinter den dicken Mauern des Gartens jeglicher Lärm der Strassen verschwindet und ich mich in einer komplett anderen Welt befinde. Ich scheine nicht die einzige zu sein, die sich hier eine kleine Auszeit gönnt. Zahlreiche Leute haben es sich auf den Bänken gemütlich gemacht, um ein wenig zu lesen oder sich auch einfach nur zu entspannen. Das sanfte Plätschern eines Springbrunnens unterstreicht die friedliche Umgebung noch zusätzlich. Ich setze mich ebenfalls hin und nehme die Postkarte wieder hervor. Gedankenverloren drehe ich sie in meinen Händen. Weshalb ist er nie mehr zurückgekommen?

Die ersten paar Tage hatten wir uns nichts dabei gedacht. Es war nicht selten, dass er sich von der Welt abkapselte und für einige Zeit seine Ruhe haben wollte. Das ist sein Wesen. Damit musste ich mich schon früh abfinden. Auch wenn meine Familie mich immer wieder davor warnte. Aber er gehört nun mal einfach zu mir. Als wir schliesslich eine Woche kein Lebenszeichen mehr von ihm erhalten hatten, machten wir uns Sorgen. Ich hatte sofort Angst, er könnte sich mit den falschen Leuten angefreundet haben und wieder in seine Drogenabhängigkeit abgerutscht sein. Nach drei Wochen dachte ich bereits an Schlimmeres. Jetzt, nach einem Jahr, kann ich einfach nicht mehr länger tatenlos rumsitzen. In diesem Moment geht mir auf, dass ich genau das hier und jetzt tue. Anstatt gleich im Hotel nachgefragt zu haben, bin ich in die Stadt geflüchtet. Doch jetzt bin ich bereit.

Langsam stehe ich auf und schlendere unter dem Pavillon hindurch zurück in Richtung Ausgang. Wenig später finde ich mich wieder in der lebhaften Medina wieder. Ich versuche den Schildern zu folgen, die Richtung Djemaa el Fna zeigen, doch trotzdem habe ich das Gefühl, dass ich im Kreis gehe und länger als nötig für den Rückweg brauche. Auf dem Platz angekommen, stelle ich überrascht fest, dass auch dieser merklich lebhafter geworden ist. In der Mitte des Platzes werden gerade Essstände aufgebaut und nebst den vielen Händlern kann ich nun auch erste Schlangenbeschwörer erkennen. Um diese mache ich jedoch einen grossen Bogen auf meinem Weg zurück ins Hostel.

An der Reception arbeitet noch immer der gleiche freundliche Marokkaner. Ich nehme meinen Mut zusammen und zeige ihm ein Foto aus glücklichen Tagen. Mit zittriger Stimme und weichen Knien erkundige ich mich, ob er diesen Mann denn schon einmal gesehen habe. Der Marokkaner verzieht erschrocken das Gesicht und nickt dann zögernd. Ich halte die Luft an und warte bange darauf, was als nächstes kommt.

Die Fortsetzung der Geschichte findest du unter diesem Link:
Für immer verloren? Teil 2

Schaut euch doch auch meine Bildergalerie mit einigen Eindrücken von Marrakesch an:

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