Zurück in die Kindheit

Die Strasse kommt mir nicht bekannt vor. Ich weiss überhaupt nicht, wo ich bin. Wie kann das passieren? Ich bin wie immer mittags von der Schule los gelaufen, um nach Hause zu gehen. Im Moment erkenne ich jedoch weder meine Umgebung wieder, noch weiss ich, was für Zeit es ist. Bestimmt bin ich wieder so in meinen Tagträumen versunken gewesen, dass ich irgendwohin gelaufen bin, ohne mich zu achten, wo ich bin. Ich werde etwas unruhig. Mama wird sich ganz schön Sorgen machen, wenn ich nicht rechtzeitig zum Mittagessen zu Hause bin. Meine Handflächen beginnen zu schwitzen. Ich bleibe stehen und drehe mich einmal im Kreis. Noch immer habe ich keine Ahnung, wo ich bin. Die Vorgärten mit ihren gepflegten Rasen und hübschen Rosengärten habe ich noch nie gesehen. Mama und ich wohnen überhaupt nicht in einer Gegend, in der es so schöne Häuser gibt. Wir wohnen in einem hohen, grauen Betonblock im siebten Stock. Unsere Wohnung ist klein und alt. Doch das macht mir nichts, solange meine Mama bei mir ist. Ich mustere die Einfamilienhäuser mit ihren weissen Fassaden, gepflegten Vorgärten und Doppelgaragen. Wer braucht schon zwei Autos? Falsch. Wer braucht überhaupt ein Auto? Mama und ich machen alles mit dem Bus oder dem Fahrrad und das klappt bestens.

Obwohl Mama mir immer sagt, ich dürfe nicht einfach so fremde Leute ansprechen, hätte ich gerne jemanden gefragt, wo ich mich befinde. Leider ist die Strasse jedoch menschenleer. Wahrscheinlich sind alle Familien bereits beim Mittagessen. Ich denke darüber nach, ob ich einfach hier warten soll, bis jemand vorbei kommt oder ob ich wohl besser einen Ort mit Menschen aufsuche. Ich zupfe nervös an meinen beiden Zöpfen. Das mache ich immer, wenn ich nicht weiss, was ich tun soll. Ich wünsche mir, ich hätte heute morgen nicht vergessen meine Uhr mit den zwei glitzernden Einhörnern anzuziehen. Mama hat sie mir zu meinem siebten Geburtstag geschenkt. Du bist jetzt ein grosses Mädchen, hat sie gesagt und mich fest an sich gedrückt. Ich muss sie heute morgen auf meinem Nachttisch vergessen haben.

Ich entscheide mich weiterzugehen. Ich möchte Mama nicht zu lange warten lassen. Es ist wohl besser, wenn ich so schnell wie möglich jemanden um Rat fragen kann. Ich werde einfach eine Frau ansprechen. Frauen sind bestimmt netter als fremde Männer. Die machen mir nämlich immer etwas Angst, weil sie so gross sind und meistens unfreundlich auf mich herabschauen. Besonders der Mann, der in regelmässigen Abständen bei Mama und mir vorbeikommt. Er hat einen ganz strengen Blick und läuft mit seinem schwarzen Klemmbrett durch unsere gesamte Wohnung und hakt irgendwelche Dinge auf seiner Liste ab. Dann verschwindet er jeweils mit Mama in der Küche und ich darf nicht zuhören und muss stattdessen im Wohnzimmer auf dem abgewetzten Teppich spielen. Ich habe schon ein paar Mal auf die Uhr geschaut. Länger als fünfzehn Minuten bleibt der strenge Mann nie. Zum Abschied nickt er mir zu und drückt Mama flüchtig die Hand. Sobald er weg ist, setzt sich Mama an den Küchentisch und holt sich mit zittrigen Fingern eine Zigarette aus dem Versteck in einer leeren Teedose. „Nur diese eine“, sagt sie jeweils und lächelt mich entschuldigend an.

Das laute Hupen eines Autos bringt mich zurück in die Gegenwart. Schon wieder bin ich ganz in meinen Tagträumen versunken. Die ältere Frau hinter dem Steuer funkelt mich zornig an und ich beeile mich, schnell die Strasse zu überqueren. Ich befinde mich nun in einer kleinen Einkaufsmeile. Leider kommt mir noch immer nichts bekannt vor. Doch schon von weitem kann ich beschäftigte Erwachsene sehen, die wohl gerade in ihrer Mittagspause sind. Hier kann ich bestimmt jemanden fragen. Ich gehe auf eine schick gekleidete Frau zu, die gerade ein Telefonat beendet.

„Entschuldigen Sie, darf ich Sie etwas fragen?“, sage ich und lächle die Frau höflich an.
„Ja, sicher. Wie kann ich Ihnen helfen?“, sagt sie freundlich und blickt von ihrem Bildschirm auf. Das Lächeln auf ihren Lippen verschwindet jedoch, als sie mich ansieht.
Ich bin verunsichert und streiche erneut über meine Zöpfe. Mama hat mir heute morgen meine rosa Schleifen reingemacht. Ob sie nicht mehr sitzen?
„Ich weiss nicht, wo ich bin und finde nicht mehr nach Hause.“
„Sie befinden sich an der Margretenstrasse in Margretstadt“, sagt die Frau gezwungen freundlich, wendet sich ab und geht davon.
Ich bleibe hilflos zurück und frage mich, weshalb eine erwachsene Frau ein Kind mit Sie anspricht. Und wo ist Margretstadt? Ich komme doch aus einem ganz anderen Ort. Wie bin ich bloss hierhin gekommen?
Ich verstehe die Welt nicht mehr. Mehrere Leute laufen an mir vorbei, aber sie beäugen mich nur misstrauisch von der Seite. Ich sehe an mir herunter. Ich trage meine glänzenden Lackschuhe, orange-gelb gestreifte Strümpfe, ein schwarzes Kleid ohne Ärmel und darunter einen weissen Rolli. Es ist eines meiner Lieblingsoutfits und bis anhin hat es niemand seltsam gefunden.

„Entschuldigen Sie, können Sie mir vielleicht helfen?“ „Ich weiss nicht, wo ich bin. Können Sie mir den Weg zeigen?“ „Ich möchte nach Hause zu meiner Mama. Können Sie mir sagen, wie ich von hier nach Westerdorf komme?“
Meine Fragen prallen an den Leuten ab, als wäre ich unsichtbar. Weshalb hilft mir niemand?
Ich setze mich völlig verunsichert auf eine Parkbank und stütze meinen Kopf in die Hände. Ich werde wohl so schnell nicht mehr nach Hause finden.

Ich sitze einige endlose Minuten so da, bis ich plötzlich wahrnehme, wie sich jemand neben mich setzt. Eine Hand legt sich auf meine Schulter.
„Frau Hasler, wir haben Sie überall gesucht“, sagt eine sanfte Stimme.
Ich setze mich auf und schaue die Frau an, die mich besorgt anschaut. Sie trägt weisse Kleidung und wirkt fehl am Platz in dieser bunten Einkaufsstrasse.
„Wer sind Sie?“, frage ich verwirrt und rutsche ein Stück weg.
„Frau Hasler, Susanne. Ich bin Olivia Thommen, eine Pflegerin in der Burgklinik.“
„Burgklinik?“, sage ich und verstehe noch immer nichts. „Geht es meiner Mama nicht gut?“
Frau Thommen schaut mich besorgt an. „Deiner Mutter geht es gut, Susanne. Komm mit, ich bringe dich zu ihr.“
Noch bevor wir uns erheben können, kommt ein Polizist auf uns zu.
„Ist hier alles in Ordnung? Wir wurden von mehreren Ladenbesitzern angerufen, dass sich eine geistig verwirrte Frau hier aufhält.“
Ich möchte etwas sagen, aber Frau Thommen ist schneller. „Alles in Ordnung. Mein Name ist Thommen und ich bin in der Burgklinik tätig. Frau Hasler hier hatte einen schweren Unfall und leidet seither an einer heftigen Amnesie, die sie glauben lässt, sie sei wieder acht Jahre alt. Sie ist einer anderen Pflegerin während des Spaziergangs entwischt.“
Der Polizist nickt verständnisvoll und verabschiedet sich wieder von uns. Ich verstehe nichts von alledem, was sie sagen. Ich hoffe nur, Frau Thommen bringt mich jetzt zu meiner Mama, damit sie sich nicht länger Sorgen um mich machen muss.

4 Gedanken zu “Zurück in die Kindheit

  1. sternfluesterer schreibt:
    Avatar von sternfluesterer

    Wie immer, wenn ich hier bei Dir zu Gast bin, fühle ich mich ein bischen „zu Hause“. Ich meine damit in der „Heimat“. Meine Heimat ist kein Ort, meine Heimat ist ein Gefühl, ein Empfinden.

    Und hier, wenn ich einen Text von Dir lese (manchmal auch mehrere, denn ich blättere auch gern mal ein bisschen zurück), dann empfinde ich immer sehr viel davon.

    Die Geschichte oben ist traurigschön. Ich bin sehr beeindruckt, wie authentisch Du es vermocht hast, aus der Perspektive, aus der Gedankenwelt dieser Frau heraus zu schreiben. Du musst jemand sein, der viel Empathie besitzt, eine feine Beobachtungsgabe, und Du hast das Vermögen sehr ethisch zu schreiben.

    Die Geschichte hier, und manches andere, was ich schon von Dir lesen dufte, hätten einen viel größeren Leserkreis verdient.

    Ich möchte Dich nicht verlegen machen, vielleicht erscheinen Dir diese „Komplimente“ viel zu groß. – Ich möchte Dir damit allerdings nicht mehr und nicht weniger, als Dir ganz aufrichtig zu schreiben, wie ich Deine Geschichten sehe, was sie in mir, bei mir auslösen und weshalb ich mich jedesmal richtig freue, wenn ich in meinem Reader eine Information finde, dass da ein neuer Eintrag von Dir ist.

    In diesem Sinne, viele liebe und ganz freundliche Grüße an Dich in die Schweiz, Natalie!

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  2. sinachivitblog schreibt:
    Avatar von sinachivitblog

    Whoa! Schon wieder so ne packende Geschichte von dir . Du schaffst es immer so gut eine Überraschende Wendung mit einzupacken … ich kann die Situationen richtig gut nachvoll ziehen und du hast es so gut beschrieben . Ich bin auch ein Betonblockkind und in einer Psychiatrie habe ich auch mal gearbeitet und kenne wirklich sogar ähnliche Fälle, wie in deiner Geschichte beschrieben! Mach weiter sooo

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