Liebesstück

Es herrscht totale Stille. Man hätte die berühmte Stecknadel auf den Boden fallen hören. Sämtliche Menschen im Konzertsaal scheinen ihren Atem anzuhalten, um ja nicht den Anfang der Aufführung zu verpassen. Auf der Bühne steht ein glänzender, schwarzer Flügel, der etwas verloren scheint. Die Pianistin sitzt bereits auf dem ebenfalls schwarzen Klavierhocker. Sie ist vor weniger als einer Minute unter tosendem Applaus empfangen worden, bevor sich die totale Stille wieder über den Saal gesenkt hat. Bevor sie beginnt zu spielen, streicht sie einmal liebevoll mit ihren Fingerspitzen über die Tasten. Es wirkt beinahe so, als wolle sie sich kurz mit dem Instrument vertraut machen, bevor sie ihm die ersten Töne entlockt. Ich meine sehen zu können, wie die Pianistin einen letzten tiefen Atemzug nimmt, die Finger anhebt und dann zu spielen beginnt.

Die ersten Töne sind sanft und beinahe zögerlich. Sie sind ausserdem hoch und so muss man gut zuhören, um sie nicht zu verpassen. Der Anfang des Musikstückes erinnert mich unweigerlich an das erste Zusammentreffen zweier Personen. Es entsteht ein zufälliger Blickkontakt, der all die anderen Leute um sie herum verstummen lässt.Beide wissen sofort, dass da mehr ist. Dennoch gehen sie etwas schüchtern aufeinander zu und wissen zu Beginn nicht recht, wie sie das Gespräch beginnen sollen. Nachdem die ersten Hürden überwunden worden sind, lernen sie sich jedoch vorsichtig kennen.

Hier wechselt die Melodie und wird fröhlicher und kräftiger. Auch die Lautstärke nimmt stetig zu.Die Musik erinnert nun an lange Spaziergänge, endlose Gespräche bis tief in die Nacht hinein und unbeschwertes Lachen. Es ist dieselbe Liebesbeziehung, aber das Paar ist sich nun vertrauter. Sie haben ihre erste Schüchternheit überwunden.Es sind jene ersten Monate einer Liebesbeziehung, die unbeschwert ins Land ziehen. Wie an einem wolkenlosen Sommertag, an dem alle Sorgen weit weg sind. Die Finger der Pianistin fliegen über die Tasten und verpassen keinen einzelnen der Töne.

Plötzlich wird die Musik wieder etwas ruhiger und gemächlicher. Die erste Phase der Verliebtheit ist vorbei und das Liebespaar verfällt in eine gemeinsame Alltagsroutine. Sie gehen Hand in Hand durch das Leben und geniessen es beieinander zu sein. Es ist die Zeit, in der Zukunftspläne geschmiedet werden. Sie gestalten jenen gemeinsamen Weg, den sie gehen möchten.

Doch dann ändert sich das Tempo erneut und die Musik wird schneller, energischer. Die beiden befinden sich plötzlich in einem heftigen Streit. Vorbei ist die traute Zweisamkeit. Ihr Alltag ist plötzlich geprägt von Vorwürfen und lauten Diskussionen. Sie können kaum noch ein normales Gespräch miteinander führen. Ihr sorgfältig konstruierter Alltag fällt in sich zusammen und bleibt nur noch als dunkle Erinnerung in ihren Köpfen zurück. Die ersten unbeschwerten Monate voller Glück und Liebe sind gar ganz vergessen.

Die Musik nimmt eine traurige Note an und zeugt von der Niedergeschlagenheit, die das Paar nun umgibt. Die Spaziergänge sind zwar immer noch lang, doch sie finden einsam statt. Er geht in der Abenddämmerung den menschenleeren Strand entlang und fragt sich, wie alles hatte so schief gehen können. Sie schlendert traurig in ihrem Lieblingspark umher und versucht dabei jene Orte zu meiden, die sie mit ihm verbindet. Wo ist ihr Glück geblieben? Was ist mit den gemeinsamen Zukunftsvisionen geschehen? Wieso funktionieren sie trotz aller Vorzeichen nicht miteinander? Das Klavierstück wird noch trauriger und leiser.

Das Liebespaar wird nicht mehr zueinander finden. Zu verschieden sind ihre Vorstellungen voneinander und vom Leben. Das müssen sich die beiden nun schweren Herzens eingestehen. Es bleibt ihnen schlussendlich keine andere Möglichkeit, als erneut getrennte Wege zu gehen. Das Paar geht jedoch nicht im Streit auseinander. Der Abschied ist leise. Der Schmerz ist auf beiden Seiten zu spüren. Es ist der Schmerz darüber, versagt zu haben. Doch sie wissen beide, dass es nicht mehr so sein kann wie zuvor.
Das Klavierstück neigt sich langsam dem Ende zu, welches ebenso leise ist, wie das zögerliche Kennenlernen am Anfang.

Die Finger der Pianistin bleiben noch einige Augenblicke auf den Tasten liegen, dann entspannt sich ihre Haltung und sie lässt ihre Hände sinken. Für einen Moment regt sich niemand. Ich sitze bewegungslos auf meinem Stuhl, ergriffen von all diesen Gedanken, die sich in mir abgespielt haben. Meine Augen haben sich mit Tränen gefüllt und ich muss mich beherrschen, um nicht mit einem unkontrollierten Schluchzer die Stille zu durchbrechen.

Plötzlich brandet Applaus auf und das gesamte Publikum wird aus seiner Trance gerissen. Die Leute um mich herum erheben sich und die Pianistin auf der Bühne verbeugt sich lächelnd.

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P.S. Die Idee für diesen Text ist mir während des Lernens gekommen. Ich höre da nämlich immer Klaviermusik. Damit ihr euch etwas besser in den Text einfühlen könnt, habe ich euch da einige Lieder verlinkt, die für mich zu den verschiedenen Phasen passen. Natürlich ist keines davon perfekt, da der Text nicht auf einem realen Klavierstück basiert.

Kennenlernen: Walk – Ludovico Einaudi (YouTube-Link)
Verliebtheit: Naive Spin – Aaron Lansing (YouTube-Link)
Vertrautheit: Quiet Resource – Evelyn Stein (YouTube-Link)
Konflikt: Run – Ludovico Einaudi (ab 2:52) (YouTube-Link)
Trennung: Corale – Ludovico Einaudi (YouTube-Link)

5 Gedanken zu “Liebesstück

  1. sternfluesterer schreibt:
    Avatar von sternfluesterer

    Liebe Natalie,

    zu diesem Text kann ich nicht nur einen „einfachen“ Kommentar hier lassen, ein paar wenige Worte. Ich habe ihn gelesen und habe die Musik dazu gehlört, die Du hier verlinkt hast …

    Du hast mir mit beidem, mit dem Text und der Musik sehr emotionale Minuten, sehr tiefgehende Einkehr, ein Empfinden von Schönheit geschenkt, wie es zu den zauberhaftesten gehört, die ich zu spüren vermag.

    Es ist keine Schwärmerei dabei, wenn ich das so schreibe, es hat mich wirklich sehr, sehr berührt und mir einen ganz wichtigen, schönen Moment geschenkt.

    Ich danke Dir sehr dafür!

    Die Klaviermusik, die Du herausgesucht hast, ist wundervoll. Hast Du vielleicht eine oder mehrere weitere Empfehlungen, die in diese Richtungen gehen. Gibt es entsprechende Alben mit mehreren Stücken solcher Musik?

    Du vermagst sehr schön und bildhaft zu beschreiben, es war wie eine Reise, Deinen Text zu lesen. Dass Dich Musik derart zu inspirieren vermag, ist Beleg dafür, dass Deine Seele eine sehr empfindsame ist.

    Ich schicke besonders freundliche und liebe Grüße an Dich in die Schweiz!

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    • meleskript schreibt:
      Avatar von meleskript

      Hallo Sternflüsterer
      Danke, dass du wieder einen deiner lieben Kommentare da gelassen hast.
      Es freut mich, dass dir auch die Musik gefallen hat. Zum Lernen oder Schreiben höre ich sehr oft Klaviermusik. Ich finde, das ist richtig beruhigend.
      Ich höre Klaviermusik immer auf Spotify und mag ganz besonders die Playlist Peaceful Piano. Falls du aber kein Spotify hast, kann ich dir auf jeden Fall empfehlen, dir Ludovico Einaudi (von ihm habe ich mehr als ein Stück verlinkt) anzuhören. Er ist einer meiner Lieblingskomponisten und hat schon mehrere Alben rausgegeben. Ansonsten findet sich natürlich auch viel Material auf YouTube.
      Ganz liebe Grüsse an dich
      Natalie

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