Schlaflos

Ich bin erschöpft. Es ist ein anstrengender Tag gewesen und alles, was ich will, ist in einen tiefen traumlosen Schlaf zu fallen. Ich lasse mich auf meine Matratze sinken, kuschele mich in die Decke ein und lösche das Licht. Einen letzten Blick auf meinen Wecker zeigt mir, dass es 23:03 Uhr ist. Die Müdigkeit legt sich wie ein Schleier über mich und ich schliesse die Augen. Meine Glieder werden langsam schwerer und ich spüre, wie ich mich entspanne. Ich warte darauf, ins Nichts abzugleiten und erst in einigen Stunden wieder daraus aufzutauchen.

Doch nichts geschieht. Mein ganzer Körper hat sich auf Schlaf eingestellt, doch meinem Kopf scheint dies deutlich zu missfallen. Mein Verstand bleibt hellwach und lässt nicht zu, dass ich einschlafe. Nicht schon wieder! Nicht heute!, denke ich verzweifelt. Ich möchte einfach wieder einmal schlafen. Doch mein ganz persönlicher Dämon die Schlaflosigkeit scheint mich einmal mehr eingeholt zu haben.

Jedes Mal hoffe ich darauf, dass ich ihn austricksen kann, auch wenn ich mittlerweile wissen müsste, dass es nicht funktionieren wird. Ich versuche mich nicht zu bewegen und konzentriere mich darauf tief und gleichmässig zu atmen. Jede noch so kleine Bewegung könnte meinen Körper aufwecken und dann würde mich der Griff des Dämons noch fester umschliessen. Ich muss also meinem eigenen Gehirn vortäuschen, bereits eingeschlafen zu sein. Natürlich funktioniert das nicht. Es funktioniert nie. Behutsam drehe ich mich auf die andere Seite, in der Hoffnung so leichter Schlaf zu finden. Das funktioniert so oder so nie.

Ein Gefühl der Machtlosigkeit überkommt mich. Alles, was ich will, sind einige Stunden Schlaf. Ich möchte nur einige Stunden meinen eigenen Gedanken entfliehen. Ich werde wütend. Wütend auf mich selbst. Auf meinen Körper. Auf meine Gedanken, die nie Ruhe geben wollen. Am liebsten würde ich schreien und in mein Kissen boxen. Doch ich möchte meine selig schlafenden Nachbarn nicht wecken.

Ich mahne mich selbst zur Ruhe. Wenn ich mich jetzt zu sehr aufrege, würde ich nie einschlafen. Ich konzentriere mich also wieder darauf, gleichmässig zu atmen. Einfach nicht bewegen. An nichts denken. Gleichmässig atmen. Sich nicht bewegen. An nichts denken. Gleichmässig atm… Langsam gleite ich in einen leichten Schlaf ab.

Allzu bald bin ich jedoch wieder wach und so ruhelos wie zuvor. Ich blicke auf die Uhr: 01:00. Ich habe immerhin zwanzig Minuten geschlafen. Aber jetzt beginnt das ganze Prozedere wieder von vorn. Ich öffne die Augen und starre in die undurchdringliche Dunkelheit. Nur mühsam kann ich die erneut aufkeimende Wut zurückhalten. Ich drehe mich auf den Rücken, obwohl ich genau weiss, dass mir das Einschlafen so nicht leichter fallen wird. Die anderen Positionen halte ich jedoch auch nicht mehr aus. Es kommt mir so vor, als wären sie bereits abgenutzt und würden nichts mehr bringen. Ich schliesse meine Augen wieder und atme einmal tief durch.

Ich versuche meine Gedanken auf etwas zu fokussieren. Schafe zählen wäre wohl das naheliegendste, aber das hat noch nie etwas genützt. Stattdessen beginne ich von hundert an rückwärts zu zählen. Bis null würde ich bestimmt nicht kommen, ohne einzuschlafen.

Komme ich auch nicht. Jedoch nicht, weil ich einschlafe, sondern weil ich spätestens nach zehn Zahlen von meinen eigenen Gedanken abgelenkt werde. Es ist mir unmöglich, mich einzig und allein auf das Rückwärtszählen zu konzentrieren. Ich unternehme mehrere Versuche und schliesslich verschwimmen meine Gedanken langsam ineinander und ich schlafe erneut ein.

Ein Geräusch lässt mich jedoch wenig später wieder aus dem Schlaf hochschrecken. Ich seufze und sehe auf die leuchtende Anzeige meines Weckers: 02:07 Uhr. Es würde eine lange Nacht werden. Einmal mehr werde ich keine Chance gegen meinen Dämon haben. Ich fühle mich absolut machtlos gegen meine Schlaflosigkeit.

Manchmal gebe ich mich geschlagen und stehe auf. Dann setze ich mich auf mein Sofa und höre mir Podcasts an in der Hoffnung, ich würde dadurch müde werden und einschlafen. Heute bleibe ich jedoch liegen. Aufzustehen käme einer Niederlage gleich und ich bin nicht bereit mir diese einzugestehen. Noch nicht. Ich lasse also meine Gedanken kreisen und döse immer mal wieder ein wenig, ohne jedoch richtig einzuschlafen. Als ich das nächste Mal auf die Uhr schaue ist es 03:34. Meine Glieder sind schwer, aber mein Verstand noch immer glasklar und weit davon entfernt, mich in einen erholsamen Schlaf zu entlassen.

Um 04:21 gebe ich es auf und höre mir nun doch einen Podcast an. Immerhin bin ich nun seit fünf Stunden im Bett, ohne dass ich hätte einschlafen können. Der erste Podcast ist etwas zu interessant, denn ich höre aufmerksam zu. Ich werde wohl nie einschlafen, wenn mich der Podcast, den ich höre, auch tatsächlich interessiert. Der nächste ist wesentlich langweiliger und schon bald höre ich nicht mehr richtig zu.

Gegen fünf Uhr bin ich so erschöpft, dass ich endlich in jenen traumlosen Schlaf falle, den ich mir schon vor Stunden gewünscht hätte. Mein Körper entspannt sich und mein Kopf lässt endlich zu, dass er sich erholt.

Das schrille Geräusch meines Weckers reisst mich viel zu früh aus dem wohlverdienten Schlaf. 06:10 Uhr. Ein neuer Tag beginnt und ich muss bereits wieder aufstehen.

2 Gedanken zu “Schlaflos

  1. sternfluesterer schreibt:
    Avatar von sternfluesterer

    Das ist so anschaulich beschrieben, dass ich direkt erschrocken bin diesmal, wie sehr ich mich in Deinem Text wiedergefunden habe. Denn leider kenne ich solche schlaflosen Nächte. Eine Zeitlang hatte ich die sehr oft, obendrein noch mit Albträumen durchsetzt. Das ist zum Glück inzwischen etwas besser geworden, aber nicht gänzlich vorüber.

    Deine Beschreibung hat mich wirklich sehr an eigene vergebliche Einschlafprocederes erinnert. Sehr viele Empfindungen und Gedanken, die Du hier skizziert hast, sind absolut treffend. Ich sah MICH zwischen Deinen Zeilen liegen …

    Ich fürchte, nein leider bin ich sehr sicher, dass Deine so genaue Beschreibung auf eigenem Erleben basiert. Einem Erleben, das ich niemandem wünsche. Dir, die Du so sensibel, so anschaulich, so überzeugend und wie auch immer einladend zu schreiben weißt, gleich gar nicht.

    Ich denke, dass Du jemand bist, der sehr intensiv und tief empfindet …

    Ich wünsche Dir von Herzen nicht nur diese eine gute Nacht, sondern so viele, wie nur irgend möglich. Hab‘ einen schönen Traum dazu!

    Liebe Grüße an Dich!

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    • meleskript schreibt:
      Avatar von meleskript

      Du hast natürlich nicht Unrecht. Dieser Text basiert auf persönlichen Erfahrungen. Gerade wenn ich gestresst bin, habe ich oft Mühe einzuschlafen, was natürlich in so einem Moment absolut kontraproduktiv ist.
      Es ist natürlich nicht schön zu wissen, wie sich das anfühlt. Trotzdem möchte ich dir für deine ehrlichen Worte danken und hoffe, deine Schlaflosigkeit plagt dich nicht allzu sehr.
      Liebe Grüsse

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