Nach einem langen Arbeitstag wie heute ging sie meist zu Fuss nach Hause, um besser abschalten zu können. Mit dem Bus wäre sie bereits in zehn Minuten bei sich zu Hause, aber ihre Gedanken würden sich dann noch immer um den soeben bewältigten Arbeitstag kreisen. Ausserdem führte sie ihr Nachhauseweg durch die Altstadt und sie liebte es, die beleuchteten Schaufenster zu betrachten. Sie musste oft über die unmöglichen Outfits der Schaufensterpuppen schmunzeln. Dabei fragte sie sich jeweils, wer um alles in der Welt so eine Kombination jemals anziehen würde.
Sie erinnerte sich an den Sommer, als es gar nicht so einfach gewesen war, auf ihrem Nachhauseweg abzuschalten. Auch am Abend waren noch viele Leute unterwegs gewesen. Jetzt wurden die Tage jedoch kürzer und kälter, was auch dazu führte, dass die meisten Leute lieber den Bus nahmen, als draussen herumzuspazieren. Ihr machte die Kälte jedoch nichts aus.
Sie liess gerne ihre Gedanken schweifen, während ihre Füsse sie den bekannten Weg entlangführten. Manchmal überraschte es sie selbst, dass sie sich bereits nach sechs Monaten in dieser neuen Stadt zuhause fühlte. Hätte ihr jemand vor einem Jahr gesagt, sie würde aus ihrer vertrauten Umgebung an einen Ort umziehen, den sie kaum kannte, hätte sie dieser Person wohl den Vogel gezeigt. Welchen Grund hätte sie auch gehabt, einen solchen Umzug zu wagen? Doch dann kam das Jobangebot, das man eben nur ein einziges Mal bekommt. Und jetzt war sie hier.
Während sie über das unebene Kopfsteinpflaster ging, die Hände tief in ihren Manteltaschen vergraben, kam ihr der englische Spruch «Home is where the heart is» in den Sinn. Ob das stimmte? War ihr Herz bereits in dieser neuen Stadt?
Sie musste daran denken, wie sie vor zwei Wochen ihre Eltern in ihrem alten Heimatdorf besucht hatte. Bereits als sie am Hauptbahnhof in die S-Bahn stieg, die sie über Jahre hinweg täglich benutzt hatte, beschlich sie ein seltsames Gefühl. Es verstärkte sich, als sie am Endbahnhof ausstieg und sich plötzlich in der Vergangenheit wiederfand. Sie ging die wenigen Minuten zu ihrem Elternhaus zu Fuss. Hier kannte sie jede Strasse, jedes Haus, jeden Baum. Sie hätte den Weg zu ihren Eltern vermutlich blind zurücklegen können. Nie zuvor war ihr aufgefallen, wie vertraut ihr dieser Ort war, auch wenn sie in diesem Dorf aufgewachsen war. Sie hatte sich zwar an neuen Orten immer schnell eingelebt und rasch neue Leute getroffen, doch ihr Elternhaus blieb ihr Zuhause. Schliesslich hatte sie hier bis jetzt am längsten gelebt. Obwohl sie mittlerweile schon einige Jahre fort war, wusste sie noch haargenau, was sich wo befand. Selbst der Geruch, der beim Betreten des Hauses in der Luft lag, weckte Erinnerungen in ihr. Nachdem sie ihre Eltern umarmt hatte, ging sie immer zuerst in ihr Kinderzimmer, das sah noch genau so aussah, wie sie es zurückgelassen hatte; inklusive der peinlichen Poster ihrer Teenieschwärme. Jedes Mal nahm sie sich vor, dass sie wenigstens das beinahe Lebensgrosse Poster von Taylor Lautner mal runternehmen sollte. Auch wenn sein nackter Oberkörper durchaus hübsch anzusehen war, musste er nicht mehr unbedingt an ihrer Tür hängen. Völlig unvermittelt kam ihr in den Sinn, dass sie dieses Poster jedes Mal herunter genommen hatte, wenn ihr damaliger Freund vorbeikam, damit er sich ob all den Muskeln nicht eingeschüchtert fühlte. Dieser Gedanke liess sie laut herauslachen. Erschrocken hielt sie sich eine Hand vor den Mund, denn ihr Gelächter hallte laut von den Wänden zurück und brachte sie so zurück in das Hier und Jetzt – weg von Taylor Lautners nacktem Oberkörper.
Sie dachte über den Begriff Heimat nach. Eigentlich bedeutete Heimat für sie, der Ort, an dem jemand aufwächst. Irgendwo hatte sie aber mal gelesen, dass dafür keine einheitliche Definition existierte. Hiess das, dass man womöglich zwei Heimaten haben konnte? Wenn ja, so gäbe es in ihrer Vorstellung eine Ursprungsheimat und eine Herzensheimat. Die Ursprungsheimat wäre dann ihr Elternhaus und die Herzensheimat jener Ort, an dem sie sich im Moment gerade zuhause fühlte. Der Gedanke gefiel ihr. Sie wollte sich nicht auf eine Heimat festlegen. Das wäre keinem Ort gerecht geworden.
Deine Geschichte hat mich auf Gedankenreise gehen lassen.
Das passiert nahezu immer, wenn ich irgendwo von „Heimat“ lese. Heimat ist stets meine größte Sehnsucht. – ich habe einmal versucht, meine Auffassung von Heimat niederzuschreiben. Das ist inzwischen lange her, geschah ein halbes Jahr nachdem ich mit dem Bloggen begonnen hatte.
Ich kann meinen entsprechenden Eintrag heute immer noch grundsätzlich unterschreiben. Ergänzen würde ich, das die schönste und wichtigste Heimat in manchen Menschenherzen zu finden ist.
Falls Dich mein erwähnter Text interessieren sollte, findest Du ihn, wenn Du den nachfolgenden Link klickst:
Dankeschön für Deine Geschichte und auch heute wieder viele liebe Grüße an Dich!
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Danke für deinen Kommentar!
Heimat ist schwierig zu definieren und auch sehr individuell.
Gerne schaue ich mir bei Gelegenheit deinen verlinkten Beitrag an!
Liebe Grüsse
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Wieder superschön geschrieben!
Man sich immer gut hineinversetzen…. für mich ist es ganz wichtig das ich besondere Menschen bei mir habe , ohne sie würde ich mich nirgends zuhause fühlen !
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Vielen lieben Dank dir 🙂 Ich kann dir nur zustimmen: liebe Menschen um sich zu haben, ist so wertvoll.
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