Ein Schwall an ohrenbetäubenden Geräuschen reisst mich völlig unerwartet aus dem Tiefschlaf. Ich verstehe überhaupt nicht, was geschieht. Einen Moment meine ich noch zu träumen, doch dann bin ich endgültig wach. Der Lärm kommt von draussen und ist deutlich durch die geschlossenen Fenster zu hören. Ich erkenne männliche Stimmen und schlechte Hip-Hop-Musik. Stöhnend drehe ich mich auf die andere Seite und versuche weiterzuschlafen. Ein Ding der Unmöglichkeit. Ein Blick auf die Uhr zeigt mir, dass es drei Uhr in der Früh ist. Wieder einmal hat eine Gruppe Jugendlicher es für eine gute Idee befunden, direkt unter unserem Schlafzimmerfenster eine kleine Party zu veranstalten. Manchmal hasste ich es, mitten in der Stadt zu wohnen. Im selben Moment schäme ich mich ein wenig für diesen Gedanken. Ich fühle mich dabei alt und auch etwas kleinkariert. Dabei bin ich gerade mal siebenundzwanzig.
Ich merke, dass ich nicht mehr einschlafen kann und drehe mich wieder auf die andere Seite. Vielleicht hilft ja das. Mein Mann ist auch wach geworden und hat sein Handy eingeschaltet. Selbst mit geschlossenen Augen kann ich das hellblaue Licht des Bildschirms erkennen.
«Idioten», murmle ich und bekomme als Antwort lediglich ein undeutliches Gemurmel. Uns beiden ist, wie so oft, nicht nach reden zu Mute.
In der Hoffnung wieder einschlafen zu können, drehe ich mich auf den Bauch. Ich schliesse die Augen und versuche mich zu entspannen. Doch mein Verstand ist hellwach und nach einigen Minuten, die mir wie Stunden vorkommen, gebe ich es auf. So schnell würde der Schlaf nicht wieder zurückkommen. Ich lege mich auf den Rücken. Dann werde ich halt meine Gedanken etwas schweifen lassen, bis die Müdigkeit mich wieder einholt.
Ich muss an unsere Reise nach New York von vor zwei Jahren denken. Wir waren nach unserer Ankunft mitten am Tag eingeschlafen und erst einige Stunden später wieder aufgewacht. Natürlich konnten wir dann in der Nacht nicht mehr richtig schlafen. Ich erinnere mich daran, wie wir stumm in unserem Kingsize-Bett lagen und sogar im vierzehnten Stock das Rauschen des Verkehrs hörten.
New York. Ich hatte so viele Erwartungen an diese Stadt gehabt. Wie viele hunderte Male hatte ich sie in Filmen und Serien gesehen oder in Büchern von ihr gelesen? Es war die Stadt schlechthin. Doch als ich sie dann endlich im richtigen Leben sah und erlebte, war ich irgendwie enttäuscht. Die Stadt war toll. Hierin besteht kein Zweifel. Doch so toll, wie alle immer sagen und wie sie dargestellt wird, war sie nicht.
Erwartung und Enttäuschung. Zwei Dinge, die zum Leben dazugehören. Von klein auf haben wir Erwartungen an unsere Eltern, unsere Freunde, unsere Geburtstage. Manchmal werden wir dann aber enttäuscht. Rückblickend hatten unsere Eltern wahrscheinlich Recht, wenn sie uns kein Pony zum Geburtstag schenken wollten. Dennoch ist man als Kind bitter enttäuscht und versteht die Welt nicht mehr. Später ist es eine schlechtere Note als erwartet, die Absage für eine Lehrstelle oder die nicht bestandene Aufnahmeprüfung. Unsere Erwartungen werden grösser, je älter wir werden. Doch manche dieser Erwartungen bleiben bestehen – zumindest habe ich diese mit Ende zwanzig noch nicht abgelegt. War es ganz früher die beste Freundin, die einem ihr Spielzeug nicht leihen wollte, ist es heute die Freundin, die einen immer wieder unter fadenscheinigen Ausreden versetzt.
Versetzen. Das erinnert mich an einen Schwarm, den ich mit sechzehn hatte. Wenn ich an das erste Date zurückdenke, muss ich lachen. Wie lange hatte ich schon nicht mehr an diese urkomische Situation gedacht? Zu dieser Zeit war es natürlich alles andere als lustig und ich war richtig aufgeregt gewesen. Wir hatten uns in der Stadt getroffen und weil wir beide nicht wussten, was wir tun sollten, setzten wir uns in ein Café. Wir mussten an der Theke bestellen und auch gleich bezahlen. Nach einer schon peinlichen Begrüssung (Küsschen? Wie viele Küsschen? Umarmung?) kam also gleich die zweite Herausforderung. Er wollte bezahlen, was ich ziemlich unbeholfen annahm. Als wir uns dann endlich setzten und einige Minuten miteinander gesprochen hatten, ging uns ziemlich schnell der Gesprächsstoff aus. Wie konnte das sein? Beim stundenlangen Chatten hatten wir uns super verstanden und immer etwas zu schreiben gewusst. Im wahren Leben waren wir jedoch zwei schüchterne Teenager, was zu einem sehr peinlichen ersten Date führte. Er wollte mich danach wiedersehen, doch ich bin einfach nicht zur zweiten Verabredung gegangen.
Ich schüttle in Gedanken meinen Kopf. Wie nur bin ich auf diese alte Geschichte gestossen? Dies war bestimmt nicht das einzige Mal, dass ich jemanden enttäuscht habe. Seltsam, wohin die Gedanken einen führen, wenn man ihnen freien Lauf lässt.
Ich muss an nächste Woche denken, in der viel anstehen wird. Unter anderem auch ein Treffen mit einem Freund aus der Berufsschule, den ich vor ein paar Tagen zufällig auf der Strasse getroffen habe. Keiner von uns beiden hatte mit dieser Begegnung auch nur im Entferntesten gerechnet, hatten wir uns doch schon Jahre nicht mehr gesehen. Leider hatten wir gerade keine Zeit zum Plaudern und so schlug er vor, dass wir uns einfach mal treffen sollten. Ich stimmte zu und wir tauschten unsere aktuelle Handynummer aus. Schon in den wenigen Minuten hatten wir uns wieder so gut verstanden wie früher. Doch ich dachte mir bereits im Weggehen, dass aus dem Treffen bestimmt nichts werden würde. Solche Versprechungen werden nie in Tat umgesetzt, also sollte man gar nicht erst enttäuscht sein. Umso überraschter war ich, als er mir tatsächlich einige Tage später eine Nachricht schrieb. Wir treffen uns nächsten Donnerstag, aber ich habe bereits beschlossen, keine grosse Erwartungen an das Treffen zu haben.
Die Matratze bewegt sich und durch meine halb geschlossenen Augen sehe ich, wie mein Mann mir den Rücken zudreht und versucht zu schlafen. Ich schliesse meine Augen wieder.
Alte Freundschaften zu neuem Leben erwecken. Wie lange wohl mein Date enttäuscht war? Ich mochte Ponys nicht einmal besonders. New York war doch eigentlich schön.
Meine Gedanken sind nicht mehr länger sauber voneinander getrennt und ergeben je länger je weniger Sinn. Ich spüre, wie ich langsam wieder in den herbeigesehnten Schlaf versinke. Einige Fragen wirbeln ziellos in meinen Gedanken herum: Werde ich mich beim Aufwachen noch an meine Überlegungen erinnern können? Oder werden diese Erwartungen einmal mehr zu einer Enttäuschung? Ist es eine Enttäuschung, wenn ich mich so oder so nicht mehr daran erinnern kann?
Wieder eine schöne Geschichte, liebe Natalie! Aus einem „Alltagsmoment“, wie einem unvorhergesehenen nächtlichen Erwachen, in ein Erinnern von Sequenzen des Lebens zu verfallen – das ist ein ebenso realistisches Erleben, wie ein gelungener Beginn für eine Geschichte von Episoden, die hier bei Dir alle durch einen roten Faden miteinander verbunden sind.
Das war schön und interessant zu lesen und hat mich schon währenddessen selbst auf Erinnerungsreisen gehen lassen.
Ein schöner Text, für einen ruhigen Moment. Von beiden sollte es immer wieder einen geben.
Dankeschön!
Liebe Grüße an Dich in die Schweiz!
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Vielen lieben Dank für diesen erneuten sehr positiven Kommentar. Damit lässt es sich gut ins Wochenende starten!
Liebe Grüsse
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Ein Freund , sagte mir mal, dass man Enttäuschung ja auch positiv sehen kann, die Täuschung ist dann ja weg . 😃
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Das ist ein guter Gedanke! 😊
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