Fremde Welten

Ich bin völlig orientierungslos. Alles um mich herum ist mir fremd. Ich erkenne weder die Häuser noch die Strassen, in denen ich mich befinde wieder. Ich fühle mich, als wäre ich kopfüber in einen dieser alten Ziehbrunnen gefallen und in einer komplett anderen Welt gelandet. Genau so wie im Film «Verwünscht». Nur dass ich nicht in der Wirklichkeit gelandet bin. Ich glaube zu träumen, doch gleichzeitig ist alles um mich herum so real. Um mich zu vergewissern, dass meine Umgebung wirklich echt ist, lege ich meine Handfläche an die Hauswand aus dunklem Stein. Ich kann die raue, kalte Oberfläche deutlich unter meinen Fingern spüren.

Es ist früher Abend und die Nacht legt sich langsam auf die mir unbekannte Umgebung. Ich drehe mich einmal im Kreis, erkenne aber noch immer nichts. Weit und breit ist keine Menschenseele zu sehen. Also entscheide ich mich weiterzugehen. Vielleicht begegne ich ja noch jemandem. Etwas zögerlich gehe ich auf dem schmalen Bürgersteig die Strasse entlang zur nächsten Kreuzung. Noch immer ist alles still. Wie seltsam, dass hier alles so leblos ist.

Ich gehe weiter. Mir ist ganz mulmig zumute. An der nächsten Gabelung kann ich links einen kleinen Dorfplatz erkennen, auf dem sich zum Glück doch einige Menschen befinden. Ich bin erleichtert und gehe auf sie zu. Von weitem kann ich erst nur erkennen, dass mir ein Mann und eine Frau am nächsten sind. Als ich näher komme fällt mir das lange blonde Haar der Frau auf. Es schimmert sanft in der dunkler werdenden Umgebung. Das Haar des Mannes ist dunkel und steht ihm wild vom Kopf ab. Er sollte mal wieder zum Friseur, denke ich und muss sogar etwas lächeln. Je näher ich auf sie zugehe, desto deutlicher kann ich sie erkennen. Sie sind in ein angeregtes Gespräch vertieft und schenken ihrer Umgebung keine Beachtung. Im Hintergrund kann ich noch weitere Personen erkennen, doch im Moment sind sie noch zu weit weg, als dass ich sie richtig erkennen könnte. Ich überlege mir, ob ich das Gespräch der Frau und des Mannes unterbrechen soll. Mich beschleicht jedoch das Gefühl, dass ich bloss stören würde. Ich gehe also an ihnen vorbei und nähere mich einer Parkbank, auf der eine ältere Frau sitzt und im schwindenden Licht ein Buch liest. Lange wird sie nicht mehr hier sitzen können.

«Hallo?! Hörst du mich überhaupt?», höre ich eine durchdringende Stimme fragen. Die unbekannte Welt verschwindet vor mir. Es war, als würde plötzlich ein schwarzer Vorhang vor die gesamte Szene fallen.

Ich sehe verwirrt auf und blinzle. Plötzlich finde ich mich auf meinem eigenen Sofa wieder. Vor mir steht meine grosse Schwester und blickt genervt auch mich hinunter. Ich seufze. «Ja, ich kann dich hören.»

So geht es mir jedes Mal, wenn ich ein neues Buch aufschlage und in fremde Welten eintauche: Ich verliere mich völlig in den Zeilen und die imaginäre Umgebung scheint mir zum Greifen nah.

4 Gedanken zu “Fremde Welten

  1. sternfluesterer schreibt:
    Avatar von sternfluesterer

    Das ist so schön geschrieben und so sehr meinem eigenen Empfinden ähnlich, wenn ich in ein Buch eintauche, dass ich Dir unbedingt ein paar Worte der Anerkennung, vor allem aber des Dankes hierlassen möchte.

    Nachdem ich diesen Eintrag als den für mich ersten von Dir gelesen habe, bin ich nun richtig gespannt, was ich auf Deinem Portal hier noch finden werde. Ich komme also wieder …

    Vorerst viele freundliche und liebe Grüße an Dich!

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