Es lebe das Internet!

Voller Vorfreude stehe ich am Flughafen. In meinem nigelnagelneuen Backpacker-Rucksack habe ich alles Notwendige für die nächsten sechs Wochen. Es ist gar nicht so einfach gewesen zu entscheiden, was ich auf meine Reise mitnehmen soll. Zum Glück haben mir diverse Blogbeiträge weitergeholfen. Es lebe das Internet! Meine ganze Reise wäre ohne wohl kaum möglich gewesen. Heutzutage ist es ein Kinderspiel eine gesamte Reise am anderen Ende der Welt zu planen. Auf Instagram habe ich so viele tolle Fotos und Tipps gefunden. Ich musste gar nicht viel überlegen.

Der ungeduldige Blick des attraktiven, jungen Mannes am Check-in beordert mich zurück in die Gegenwart. Zielstrebig laufe ich auf ihn zu und stelle selbstbewusst meinen Rucksack auf die Waage.

«Ticket und Pass bitte», sagt er gelangweilt und streckt seine Hand aus.

Ich gebe ihm beides. Ich bin total euphorisch und sage etwas übereifrig: «Ich fliege nach Südostasien!»

«Ja, kann ich sehen», antwortet er knapp und ich habe das Gefühl, er muss sich zusammennehmen, um nicht mit den Augen zu rollen.

Stumm gibt er mir meine Dokumente zurück und wünscht mir einen guten Flug.

Ich gehe zurück zu meiner Familie, die mich zum Flughafen begleitet hat. Meine Mutter hat bereits gestern Abend angefangen zu weinen. Sie war am Anfang gar nicht damit einverstanden gewesen, dass ihre «erst achtzehnjährige Tochter» gleich nach dem Schulabschluss ganz alleine nach Asien fliegt. Ich habe mich aber schliesslich gegen sie durchsetzen können und hier sind wir nun.

Nach einer tränenreichen Verabschiedung mache ich mich auf den Weg zur Sicherheitskontrolle und ehe ich recht weiss, wie mir geschieht, lande ich in Bangkok. Die drückende Hitze und die unglaubliche Geräuschkulisse sind fast ein wenig zu viel für mich. Ich habe ja gewusst, dass es ein Kulturschock sein würde, aber gerade so? Als ich aus der Ankunftshalle nach draussen gehe, um nach einem Taxi Ausschau zu halten, kommt ein junger Thailänder auf mich zu. Er zeigt auf mein Gepäck und erklärt mir, er könne es mir zum Taxi tragen. Sein Cousin fahre selbst und habe sein Fahrzeug gleich da drüben. Er deutet dabei auf einen Parkplatz hinter uns. Es kommt mir etwas seltsam vor, aber weshalb sollte mich dieser freundliche Mann anlügen? Als folge ich ihm zu seinem Cousin, dessen Auto tatsächlich ein Taxischild auf dem Dach hat.  Er lädt meinen Rucksack ein und streckt dann erwartungsvoll seine Hand aus. Er will wohl Geld von mir. Etwas unbeholfen gebe ich ihm, was ich für angemessen halte. Dann steige ich ein und lasse mich zu meinem Hostel fahren. Online habe ich gelesen, dass die Taxis hier total günstig seien, doch der Fahrer will ziemlich viel Geld von mir. Ich bin etwas irritiert aber bezahle ihn schliesslich. Erst als ich aussteige wird mir bewusst, dass ich gar keinen Taxometer gesehen habe.

Es ist bereits dunkel, als ich ankomme. Trotzdem fällt mir auf, wie heruntergekommen die Gegend hier scheint. Strassenlampen hat es praktisch keine. Nur die Schilder der Geschäfte und Hotels beleuchteten die Umgebung. Das Hostel habe ich ebenfalls über einen Blogbeitrag gefunden. Eine gewisse Leslie_CuteGirl hat die super Lage, das freundliche Personal und die generelle Ausstattung so gelobt, dass ich gleich wusste: Das ist die Unterkunft für mich. Sie war so überzeugt vom Hostel, dass ich nicht einmal mehr Tripadvisor abchecken musste.

Von aussen sieht es zwar alles andere als einladend aus, aber vielleicht ist das extra so. Ich stosse die verdreckte Glastür auf und finde mich in einem schwach beleuchteten Raum wieder. Auch hier wirkt alles lieblos und heruntergekommen, doch ich lasse mich davon nicht unterkriegen. Von irgendwoher muss Leslie ja die guten Bilder gehabt haben!

Ich schaue mich eine Weile verloren um und entdeckte schliesslich eine Klingel. Ich klingle, aber es passiert nichts.

«Hello?», rufe ich zögerlich einige Male.

Endlich scheint mich jemand gehört zu haben. Eine kleine Thailänderin kommt aus einer Tür und blickt mich fragend an.

«Yes, hello?»

Ich stelle mich vor und erkläre in meinem besten Schulenglisch, dass ich ein Zimmer reserviert habe. Die Frau scheint mich nicht zu verstehen und ich beschränke mich auf die Wörter: Room, reserved, two nights, Sara Münzer.

Endlich scheint sie mein Anliegen zu begreifen und nachdem ich meinen Namen noch fünfmal buchstabiert habe, hat sie mich gefunden. Ich frage nach dem Schlüssel, doch sie sieht mich nur verständnislos an und sagt schliesslich: «No locks, no locks»

Sie gibt mir einen Flyer mit den Hausregeln und führt mich dann eine schmale, dunkle Treppe hoch. Ich bin nicht sehr gross, aber dennoch muss ich meinen Kopf einziehen und mein neuer Rucksack schrammt an den abgenutzten Wänden entlang.

Im ersten Stock bleibt die Thailänderin stehen und öffnet mir eine Tür. Eine Welle abgestandener Luft schlägt mir entgegen und entgeistert blicke ich in den Raum hinein. Zehn Doppelstockbetten reihen sich den beiden Wänden entlang. Viele sind bereits besetzt. Das kleine Fenster am Ende des schmalen Raums ist so dreckig, dass kaum Licht von der Strasse hereindringt.

Ich drehe mich um und will der Thailänderin sagen, dass ich doch einen Schlafsaal mit vier Betten und nur weiblichen Gästen gebucht habe, aber sie ist schon verschwunden.

«Hi there», ruft mir ein Typ mit Rastas und verschlissenen Kleidern zu.

Ich nicke ihm höflich zu und setze mich dann auf eines der leeren Betten. Bereits etwas entmutigt packe ich meine Schlafsachen aus und mache mich auf die Suche nach dem Waschsaal. Auf dem Weg dahin begegnen mir mehrere Kakerlaken und ich muss mich sehr zusammenreissen, um nicht gleich wieder zu gehen.

Der Waschraum ist auch nicht viel freundlicher als der Rest des Hostels. Bei Leslie sah doch alles so toll aus! Ich bin bereits zum zweiten Mal irritiert. Erst das Taxi, dann das Hostel. Wie kann das sein? Auf Instagram und dem Blog hat alles so perfekt ausgesehen!

Ich nehme mir vor, morgen gleich ein Kaffee mit WiFi aufzusuchen. Das hatte ich hier nämlich (entgegen der Versprechungen!) auch nicht.

Entmutigt und völlig erschöpft sinke ich in mein Bett und bin froh, dass ich wenigstens meinen eigenen Schlafsack dabeihabe.

Als ich am nächsten Morgen meine Sachen zusammensuchen möchte, muss ich mit Schrecken feststellen, dass mir jemand mein gesamtes Gepäck gestohlen hat. Ich breche in Tränen aus und weiss nicht mehr weiter. Es fühlt sich gerade so an, als habe sich die ganze Welt gegen mich gestellt. Ich gehe zur Rezeption, wo ich die Thailänderin vom Vorabend wiedererkenne. Wie ein begossener Pudel stehe ich vor ihr und breche sofort wieder in Tränen aus. Schluchzend erkläre ich ihr, was passiert ist.

Sie setzt mich auf einen Stuhl und bringt mir einen warmen Tee. Heute scheint sie mir etwas freundlicher gesinnt als gestern Abend.

Sie schüttelt mehrmals den Kopf und murmelt immer wieder: «Stupid European girl. Brings new shiny backpack.»

Als ich mich langsam beruhige, sagt sie weiter: «This no place for you. My son brings you to hotel.»

Ich nicke nur matt. Alles, was ich noch habe, ist in meiner Umhängetasche, die ich glücklicherweise mit mir ins Bett genommen habe.

Die Frau verschwindet im Hinterzimmer und kommt kurze Zeit später mit einem jungen Burschen zurück. Ich nicke der Frau dankbar zu und möchte ihr, etwas Geld geben, doch sie schüttelt nur den Kopf. Dann redet sie auf thailändisch auf ihren Sohn ein der brav nickt und mir schliesslich bedeutet mitzukommen. Ich bedanke mich nochmals und verlasse das Hostel.

Der junge Thailänder fährt mich in einen anderen Stadtteil und hält vor einem ibis-Hotel. Erleichterung durchflutet mich, als ich die mir bekannte Hotelkette erkenne. Als ich in unmittelbarer Nähe auch noch einen Starbucks und einen McDonalds entdecke, geht es mir schon wieder etwas besser.

Allem Anschein nach ist es doch kein Kinderspiel, eine Reise am anderen Ende der Welt zu planen.

 

 

 

Disclaimer: Diese Kurzgeschichte hat auf keinen Fall zum Ziel Südostasien in irgendeiner Weise abzuwerten! Es geht mir darum, die Naivität zu skizzieren, die heutzutage gegenüber dem Internet herrscht und in überspitzter Form aufzuzeigen, welche Folgen es haben kann, wenn man alles glaubt, was man auf Instagram und Co. sieht. Gerade eine Reise in eine völlig unbekannte Kultur schien mir ein gutes Beispiel zu sein.

4 Gedanken zu “Es lebe das Internet!

    • meleskript schreibt:
      Avatar von meleskript

      Danke für deinen super lieben Kommentar 🙂
      Die Geschichte ist aber vollkommen fiktiv (zum Glück). Die Ich-Perspektive habe ich gewählt, damit die Geschichte realer wird. Scheint geklappt zu haben, wie es aussieht 🙂

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