Nachts in Paris

Paris. Fünf Buchstaben, die für zwei Millionen Menschen „Zuhause“ bedeuten. Fünf Buchstaben, die für unzählige Touristen der Inbegriff eines romantischen Wochenendes darstellen.

Mein Paris ist das nächtliche Paris. Bei Tageslicht verlasse ich kaum je meine kleine Wohnung im 13. Arrondissement. Ich kann das Paris bei Tag jedoch hören und weiss, es ist nicht meine Welt. Nur schon an den Geräuschen kann ich erkennen, dass alle Menschen dauernd im Stress sind. Der Verkehrslärm ist immer gleich laut und zu jeder Tageszeit kann ich das Hupen genervter Auto- und Busfahrer hören. Die gesamte Stadt ist hektisch und laut.

Nach Mitternacht kehrt jedoch Ruhe ein in meinem Quartier. Dann öffne ich die Fenster und lasse die kühle Nachtluft in mein kleines Appartement hereinströmen. Selbstverständlich ist es in Paris nie vollständig ruhig, aber zu dieser Zeit ist es für mich zumindest erträglich. Ich nehme einen tiefen Atemzug und fühle mich gut. Es ist eine kühle Oktobernacht und ich nehme eine Jacke von der Garderobe, bevor ich meine Wohnungstür leise hinter mir zuziehe.

Ich trete auf die verlassene Strasse und entscheide mich für eine Richtung. Heute ist mir nach Kopfsteinpflaster und engen Strassen zumute. Die Entscheidung fällt mir nicht schwer. Nicht unweit meiner Strasse liegt ein kleines Quartier, das perfekt ist für mein Vorhaben.

Ich schlendere durch die friedlichen Strassen, die in regelmässigen Abständen von den hellen Lichtkegeln der Strassenlampen erhellt werden. Hin und wieder begegne ich einem Menschen oder ein Auto fährt an mir vorbei. Die Leute sind auf dem Nachhauseweg nach einem langen Arbeitstag oder vielleicht sogar auf dem Weg zu ihrem Arbeitsort. Auch in Paris gibt es Orte, die niemals schlafen.

Ich blicke an den typisch französischen Fassaden empor und stelle mir vor, welche Menschen in den Häusern wohnen und was für ein Leben sie führen. Sind sie zufrieden mit mit dem, was sie erreicht haben? Konnten sie ihre Kindheitsträume erfüllen? Kann ich diese Fragen mit Ja beantworten? Ich würde von mir selbst behaupten, dass ich zufrieden bin, auch wenn mein Lebensstil nicht gerade danach aussieht. Kindheitsträume? Die habe ich schon längst vergessen oder niemals gehabt…

Ich verscheuche diese Gedanken und konzentriere mich wieder auf den Weg. In wenigen Minuten werde ich mein Ziel erreicht haben. Jedes Mal, wenn ich das Quartier betrete, spüre ich, wie mich eine gewisse Melancholie überkommt. Es ist, als würde man in eine komplett andere Welt eintauchen. Das Quartier hat einen ländlichen Charakter. Ein Dorf in dieser grossen Stadt. Das 13. Arrondissement ist geprägt von Hochhäusern, was diesen Ort umso spezieller macht. Die Häuser sind niedrig und die Strassen eng und kopfsteingepflastert. So stelle ich mir Montmartre vor, bevor es vom Tourismus überrollt worden ist.

Ich brauche nur die Augen zu schliessen, um den Ort zum Leben zu erwecken. Ich bleibe also mitten auf der Strasse stehen und tue genau das. Sonnenlicht durchflutet die Gassen und die zahlreichen Cafés und Restaurants empfangen ihre Gäste auf den einladenden Terrassen. Es herrscht ein buntes Durcheinander von Gesprächsfetzen. Die Atmosphäre ist entspannt und ausgelassen. Die Hektik des Alltags ist hier kaum zu spüren. Sogar die wenigen Autofahrer sind langsam unterwegs und lassen sich von den vielen Marktgängern nicht aus der Ruhe bringen.

Ein Lächeln umspielt meine Lippen. Die Augen noch immer geschlossen, breite ich die Arme aus und drehe mich im Kreis bis mir schwindlig wird. Ich taumle und setze mich auf den Boden, um nicht umzufallen. Ich öffne die Augen und alles ist wieder dunkel und verlassen. Nur die Strassenlaternen spenden noch immer ihr gleichmässiges Licht.

Erst jetzt bemerke ich das junge Paar, das Hand in Hand die Strasse entlangläuft. Sie einander scheinen sehr zu sein und sind in eine angeregte Unterhaltung verwickelt. Sie lässt seine Hand los und boxt ihm spielerisch in den Arm, als sei sie empört über eine seiner Bemerkungen. Er lacht nur und nimmt sie in den Arm. Dann biegen sie um eine Ecke und sind verschwunden. Nur ihre Stimmen hallen noch ein wenig nach.

In diesem Moment fühle ich mich einsam. Ich schaue an mir herunter, wie ich so dasitze. Auf dem Boden. Um zwei Uhr nachts. Ganz alleine.

Mit einer Hand suche ich in meiner Hosentasche nach dem Foto, dass ich immer bei mir habe. Ich falte es auseinander und werfe einen Blick auf das vergilbte Gesicht. Amélia, mein kleiner Engel. Ihr Lächeln bringt mich zurück in eine Zeit, zu der ich mein Leben noch am Tag gelebt habe. Ein Leben, in dem ich selbst oft genug gestresst gewesen bin und als Autofahrerin über den vielen Verkehr aufgeregt habe. Ich wäre nie gemütlich um die Menschen herumgekurvt wie die Autofahrer eben gerade in meiner Vorstellung.

Langsam erhebe ich mich und biege in eine Nebenstrasse ein. Vor einem der Häuser bleibe ich stehen und sehe hinauf. Ich habe es nie über mich gebracht, zu weit von hier wegzuziehen. Das könnte ich nicht mit mir selbst vereinbaren. Gegenüber dem Haus liegt eine kleine, eingezäunte Grünfläche. Ich gehe vor dem Zaun in die Hocke und berühre mit der Hand das kleine Holzkreuz.

Amélia
5. April 2007 – 10. September 2010

Mein Baby wäre heute bereits elf Jahre alt. Doch das Leben hat einen anderen Plan gehabt.

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