Sprung in die Ungewissheit

Leon stand am Rand des Pools. Seine Zehenspitzen lugten sogar bereits ein ganz kleines Bisschen darüber hinaus. Die Sonne stand hoch am Horizont und blendete ihn, wenn er über das spiegelglatte, hellblaue Wasser schaute. Deshalb blickte er auf seine eigenen Zehen, die sich mittlerweile am Beckenrand festgekrallt hatten. Leon hatte Angst.

Er sollte zum aller, aller ersten Mal ohne seine Schwimmflügel einen Kopfsprung in den Pool machen. Sein Vater hatte ihm in den letzten zwei Wochen das Schwimmen im Pool ihres Hotels in Südfrankreich beigebracht.

In diesem Moment fühlte es sich für ihn so an, als sei er ganz alleine auf der Welt. Er hörte kein einziges Geräusch ausser dem Rauschen seines eigenen Blutes in den Ohren.  Weder die kreischende Möwe auf dem Weg zum nahe gelegenen Hafen noch das bunte Treiben um den Pool herum konnte er hören. Er sah auch nichts ausser der glitzernden, blauen Oberfläche des Pools. So entging ihm, dass seine kleine Schwester gerade um ein Eis bettelte oder wie ein empörter Hotelgast lautstark reklamierte, weil ihm die Kellnerin gerade unabsichtlich einen Cocktail über sein Buch geschüttet hatte.
„Komm schon Leon. Ich weiss, dass du es kannst!“, rief ihm sein Vater in diesem Moment zu.

Leon kniff seine Augen zusammen, konnte jedoch seinen Vater nicht sehen. Er atmete tief durch und hielt dann den Atem an – genau so wie es ihm sein Vater gezeigt hatte. Er streckte seine Arme aus und sprang. Für den Bruchteil einer Sekunde befand er sich in der Luft und spürte ein merkwürdiges Ziehen im Bauch. Dann durchstiessen seine Hände bereits die Wasseroberfläche und er tauchte in das kühle Nass ein. Leon verlor die Orientierung und begann wild mit seinen Armen und Beinen zu rudern. Ehe er jedoch Angst haben konnte, spürte er, wie die starken Arme seines Vaters ihn an die Wasseroberfläche zogen. Leon nahm einen kräftigen Atemzug und strahlte übers ganze Gesicht. Ein unbeschreibliches Gefühl der Freude und Euphorie stieg in ihm hoch. Sein Vater drückte ihn stolz an sich.
„Das werde ich Zuhause allen zeigen“, rief Leon lachend.

Noch heute Jahre später denkt Leon zurück an seinen ersten Kopfsprung im Alter von sechs Jahren. Es ist ihm davon jedoch nicht nur die unbändige Freude geblieben. Ein stetiger Begleiter ist ihm auch die Angst und die Unsicherheit vor dem Sprung. Wenn er vor schwierigen und alles verändernden Entscheidungen steht, die ihn verunsichern und vor denen er Respekt hat, muss sich Leon diesen einen Sommertag in Südfrankreich wieder in Erinnerung rufen. Und obwohl er die meisten Sprichwörter unsinnig und abgedroschen findet, trifft eines in dieser Situation ganz genau zu: Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.

Wenn wir nicht ab und zu aus unserem gewohnten Umfeld ausbrechen, werden wir nie erfahren, was sich hinter der Ungewissheit verbirgt. Manche Entscheidungen werden sich im Nachhinein vielleicht als falsch oder unglücklich herausstellen. Andere dagegen können ungeahnte Wege in unserem Leben aufdecken und uns mit Menschen und Orten in Verbindung bringen, die wir nie kennengelernt hätten, wären wir einfach Zuhause geblieben und hätten es nie gewagt, etwas Mutiges zu tun.

Auch wenn es uns Angst macht, sollten wir hin und wieder den Sprung in die Ungewissheit wagen.

2 Gedanken zu “Sprung in die Ungewissheit

  1. Sockenzombie schreibt:
    Avatar von Sockenzombie

    Eine tolle Geschichte und ein perfekter Start für deinen Blog! Ich wünsche dir viel Erfolg damit und bin gespannt auf weitere Geschichten! Finde es super, dass du sie über diesen Weg veröffentlichst 🙂

    Liebe Grüße
    Socke

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