Wir erzählten allen, die Entscheidung hätten wir gemeinsam getroffen.
Doch wir wissen beide, dass es die deine war.
Ich hätte weitergekämpft.
Wir erzählten allen, die Entscheidung hätten wir gemeinsam getroffen.
Doch wir wissen beide, dass es die deine war.
Ich hätte weitergekämpft.
Als es vorbei war, weinten wir beide.
Der Moment, in dem du das letzte Mal meine Hand losliesst, brannte sich tief in mein Herz.
Es war richtig, doch weshalb schmerz es so sehr?
Gefühle sind flüchtig.
An einem Tag wolltest du mit mir die Welt bereisen,
am nächsten brauchtest du Freiraum.
Hast mich zurückgelassen vor einem Scherbenhaufen, der sich mein Leben nannte.
Weisst du noch damals mit achtzehn?
Wir waren jung und frei.
Wir hatten keine Ahnung, doch das merkten wir nicht.
Wenn unsere Freunde nach wenigen Monaten eine Beziehung beendeten, fühlten wir uns überlegen.
Wie hätten wir ahnen können, dass es auch uns treffen würde?
Was wie ein Märchen begann, endete in einer Tragödie.
Es sind zehn Jahre vergangen, seit aus uns wieder ein du ohne ich wurde.
Doch manchmal wenn unser Lied im Radio läuft, denke ich wieder an
dich
uns
an das, was war.
Wie würde unser Leben aussehen, wenn wir es geschafft hätten?
Fortsetzung von Realität.
Ina dreht sich panisch einmal um die eigene Achse, aber Manon bleibt verschwunden. Ihr Atem geht schnell und ihre Gedanken rasen. Eine Möwe fliegt kreischend über ihren Kopf, das Rauschen der Wellen erscheint ihr plötzlich lauter, doch ansonsten ist nichts und niemand zu hören. Selbst die Wanderer in der Ferne sind noch zu weit weg, um irgendetwas mitbekommen zu haben.
«Manon?», ruft sie laut, aber alles bleibt still. Sie dreht sich um 180 Grad und betrachtet den Pfad, von dem sie gekommen sind. Kurz überlegt sie, ob sie zurückgehen soll, doch dann entscheidet sie sich für den einfachen Weg. Sie tippt Daumen und Zeigefinger der linken Hand schnell drei Mal aneinander und dann wird alles schwarz.
Ina setzt Kopfhörer sowie VR-Brille ab, zieht die Sensor-Handschuhe aus und schaltet ihr Laufplatte sowie den Ventilator ab, der unangenehm warme Luft in ihr Gesicht bläst. Sie steht wieder in ihrem eigenen Zimmer. Die wunderschöne Landschaft ist verschwunden. Abgesehen von den Hightech-Geräten und einem grossen Flachbildschirm ist der Raum nur spärlich eingerichtet. An der einen Wand steht ein ungemachtes Bett und auf einem wackeligen Stuhl daneben türmen sich ungewaschene Kleider.
Sie sucht auf dem unordentlichen Bett nach ihrem Smartphone, entsperrt es mit Gesichtserkennung und ruft den Chat mit Manon auf.
Ina: Alles in Ordnung?! Was war das eben?!
Manon sieht ihre Nachricht sofort und beginnt zu tippen.
Manon: Wir haben Stromausfall! Deshalb bin ich aus Metaverse rausgefallen.
Ina: Shit! Aber alles in Ordnung? Hast du etwas gespürt? Es hat furchtbar ausgesehen!!
Manon: Alles gut, bei mir hat das Bild geflackert und es gab einen komischen Ton im Kopfhörer, bevor alles schwarz wurde. Ansonsten ist alles gut.
Ina: Dann bin ich ja froh! So etwas habe ich noch nie erlebt.
Manon: Ich auch nicht …
Manon: Du bist aber nicht zurückgelaufen oder? 😉
Ina: Nein … Ich habe mir Sorgen um dich gemacht und mich für den schnellsten Weg entschieden.
In diesem Moment geht Inas Zimmertür auf und ihre Mutter kommt herein. Ina dreht sich um und sieht, dass ihre Mutter ein Paket hereinbringt.
«Schon wieder eine Bestellung! Wozu brauchst du das Zeugs eigentlich? Es ist ja nicht so, als würdest du im realen Leben noch rausgehen», sagt sie vorwurfsvoll, als sie das Paket auf dem Boden abstellt.
«Ja, ich weiss. Aber mir war langweilig und auf der Metaverse-Party letzte Woche hat mir das Outfit klasse gestanden. Es war ausserdem viel günstiger, weil ich es bereits im Metaverse gekauft habe.»
«Aha», ist alles, was ihre Mutter darauf erwidert, bevor sie die Zimmertür wieder hinter sich zuzieht.
Ihre Mutter gehört zu der Sorte Mensch, die sich mit dem Metaverse zwar abgefunden, sich aber nie darin eingefunden hat. Sie weiss noch, wie die Welt vor dem grossen Launch 2026 war und trauert ihr nach. Ina hingegen ist mit dem Metaverse aufgewachsen und nimmt den Zerfall der realen Welt als unumgänglich wahr.
Trotzdem schaut sie sich gerne die Erinnerungen ihrer Mutter aus der Welt «davor» an. Nach ihrem Ausflug mit Manon hat sie Sehnsucht nach dem Meer. Deshalb verbindet sie sich mit der Familien-Cloud und ruft die alten Alben ihrer Mutter auf. Am liebsten schaut sie sich die Fotos der Algarve an, auf denen ihre Mutter unbeschwert und glücklich in die Kamera lächelt. Heute ist der Glanz in ihren Augen weitgehend erloschen.
Wie seltsam das gewesen sein muss, als man für Abendessen mit Freunden, Partys und Konzertbesuche aus dem Haus ging und dafür auch noch Anreisezeit einberechnen musste. Es gibt wenig, was Ina gerne einmal in der analogen Welt erlebt hätte. Wenn sie einen Wunsch frei hätte, würde sie gerne das Meer riechen und ins salzige Wasser springen können. Da ihre Zone jedoch keinen Meeranstoss besitzt, wird dieser Traum wohl nie in Erfüllung gehen. Sie klickt die Fotos ihrer Mutter an der Algarve weg, als eine Erinnerung auf ihrem Bildschirm erscheint: Let’s get wasted mit Lolo
Ina seufzt. Sie hat ganz vergessen, dass sie noch mit Lolo verabredet ist heute. Rasch läuft sie in die Küche – ihre Mutter besteht darauf, den Raum noch immer so zu nennen – holt sich einen Vitaminsaft aus dem Kühlschrank, scannt ihren Zeigefinder am kleinen Automaten und nimmt die ausgeworfenen Pillen entgegen. Die Nährstoffe sind genaustens auf ihren Körper zugeschnitten, sämtliche Mahlzeiten werden in Form von Pillen eingenommen. «Richtiges» Essen bekommt man nur noch im Metaverse. Ina weiss, dass die Gesundheitskosten mit dieser Optimierung erheblich gesenkt wurden. «Dafür macht essen keinen Spass mehr», grummelt ihre Mutter in regelmässigen Abständen.
Mehr aus Langeweile als Neugierde schaut sie aus dem Fenster auf die Strasse. Wie üblich ist diese menschenleer. Wer sich heutzutage auf den Strassen aufhält, hat entweder noch einen analogen Job oder schlicht nicht die Mittel für die nötigen Geräte, um im Metaverse dabei zu sein. «Die Menschen flüchten sich in eine neue Realität, um den Problemen der alten Realität zu entfliehen», würde ihre Mutter jetzt sagen. Aber wer will schon draussen sein, wenn es dort nur verdorrte Natur und graue Betongebäude gibt? Ina versteht die Wehmut ihrer Mutter beim besten Willen nicht. Der Gedanke, dass der langsame Untergang der Welt hätte verhindert werden können, existiert für sie nicht.
«Mam?», ruft sie in Richtung des zweiten Schlafzimmers. Als sie keine Antwort erhält, geht sie durch den schmalen Gang und stösst die Tür auf. Ihre Mutter sitzt in einem Sessel am Fenster und blättert in einem zerflederten Taschenbuch.
«Schon wieder dieser alte Schinken?», sagt Ina und deutet auf das Buch.
Ihre Mutter schreckt hoch und klappt mit einem schuldbewussten Lächeln das Buch zu. «Ja, ich weiss, aber du kennst mich ja.» Sie besitzt eine Handvoll Taschenbücher, die sie vor der grossen Räumung hat retten können, und hütet sie wie einen kostbaren Schatz.
Ina möchte sich wieder umdrehen, bleibt jedoch unschlüssig in der Tür stehen. «Hast du schon von den Stromausfällen gehört?», fragt sie dann.
Ihre Mutter nickt besorgt. «Es scheint uns jedoch noch nicht zu betreffen. Ich bin später an der Gesellschaftsstunde und hoffe, sie informieren darüber.»
«Ich war heute mit Manon wandern, als sie plötzlich aus dem Metaverse verschwand. So etwas habe ich noch nie gesehen.» Ina schildert, was am Vormittag geschehen war.
«Das hört sich nicht gut an», sagt ihre Mutter besorgt. «Stell dir mal vor, was passiert, wenn sich diese Vorfälle häufen!»
Ina nickt. «Ich möchte es mir lieber nicht vorstellen. Manon und ich haben ebenfalls darüber gesprochen.» Ein ungutes Gefühl beschleicht sie, jetzt da sich nicht nur Manon und ihr rebellischer Bruder, sondern auch ihre eigene Mutter so grosse Sorgen macht.
In diesem Moment beginnt das Handy von Inas Mutter zu klingeln. «Geh ruhig ran, ich bin mit Lolo verabredet», sagt Ina und winkt kurz, bevor sie aus dem Zimmer geht.
Zurück in ihrem eigenen Reich streift sie sich Kopfhörer, Brille und Handschuhe wieder über. Anstatt sich jedoch auf die Laufplatte zu stellen, nimmt sie im Schneidersitz auf dem Bett Platz. Die Abende mit Lolo dauern erfahrungsgemäss immer länger und ausserdem hat sie sich heute schon genug bewegt. Wieder im Metaverse eingeloggt, wählt sie direkt die Bar aus, in der sie verabredet ist, und setzt sich an einen runden Tisch. Lolo ist noch nicht da, was wenig erstaunlich ist. Neugierig lässt Ina den Blick durch die halbvolle Bar schweifen. Niemand kommt ihr bekannt vor. Sie tippt sich an die Schläfe, um ihre Nachrichten zu überprüfen. Ein paar Freundinnen wollen nächstes Wochenende ein Konzert besuchen, ihr Vater hat sich mal wieder gemeldet und ihre Lieblingsmarke preist diverse Sonderangebote an. Ina wischt alle Meldungen weg. Nichts davon interessiert sie momentan. Jetzt da sie einen Moment allein hat, denkt sie nochmals über die Geschehnisse vom Morgen nach. Das ungute Gefühl von vorhin hat sich verstärkt. Ein schrecklicher Gedanke lässt sich plötzlich nicht mehr wegschieben: Was mache ich, wenn das Metaverse plötzlich weg ist? Sie denkt an ihre virtuellen Habseligkeiten, die durch ein Datenleck im Nichts verschwinden könnten.
Bevor sie sich diesen dunklen Gedanken hingeben kann, betritt eine Blondine mit hüftlangem Haar die Bar. Als Lolo sie entdeckt, kommt sie mit ausgebreiteten Armen und breitem Lächeln auf Ina zu.
«Hi Liebes!», ruft sie etwas zu laut und drückt Ina an sich.
Ina hat sich mittlerweile an das virtuelle Umstyling gewöhnt, doch zu Beginn war die Verwandlung von Lorena in Lolo sehr gewöhnungsbedürftig. Die Brille und das braune, schulterlange Haar, wichen von einem Tag auf den anderen perfektem Makeup und der wallenden blonden Mähne, die nicht selten durch farbige Strähnchen gepimpt wurden.
«Hallo Lolo», sagt Ina und drückt ihrer Freundin einen Kuss auf die Wange.
Es dauert nicht lange bis auch unter den beiden Freundinnen die Stromausfälle ein Thema sind. Hat gestern noch niemand darüber gesprochen, scheint sich das Thema wie ein Lauffeuer verbreitet zu haben. Wohl auch deshalb, weil nicht nur Manon, sondern auch andere Nutzer plötzlich aus dem Metaverse geschmissen wurden. Anders als Manon macht sich Lolo überhaupt keine Sorgen. Sie ist fest davon überzeugt, dass das Metaverse nichts erschüttern kann. Noch vor 24 Stunden hätte Ina ihr zugestimmt. Nun ist sie sich da nicht mehr so sicher. Wie um ihre Befürchtungen zu bestätigen, breitet sich in diesem Moment ein unangenehmes Gefühl, ausgehend von ihren Fingerspitzen, im gesamten Körper aus. Ihre Sicht beginnt zu flackern, wie die altmodischen Fernseher, die sie nur aus Geschichten kennt und ein pfeifender Ton setzt ein. Alles beginnt sich zu drehen und ihr wird schwindlig. In schneller Abfolge tippt sie Zeigefinder und Daumen der linken Hand drei Mal aneinander. Anstatt dass sie aus dem Metaverse aussteigt, wird jedoch der Ton in ihrem Kopfhörer immer lauter. Gerade als ihr Trommelfell zu zerreissen droht, wird alles um sie herum schwarz.
Fortsetzung folgt.
Sie begrüssen sich auf dem beinahe leeren Parkplatz mit einer festen Umarmung. Bereits um acht Uhr morgens ist es ziemlich warm und Ina hinterfragt ihre Entscheidung wandern zu gehen. Ihr Blick fällt auf das Schuhwerk ihrer Freundin und sie zieht fragend eine Augenbraue hoch.
«Du hast dich für diese Schuhe entschieden?», bemerkt sie erstaunt und deutet auf die abgelatschten Turnschuhe, die vermutlich kaum Profil aufweisen.
Manon zuckt mit den Schultern und lächelt.
«Ich sehe, dir ist heute nicht danach, den Schein zu wahren», entgegnet Ina und die beiden gehen los.
Der Beginn ihrer Route führt sie durch einen dichten Pinienwald. Ina breitet die Arme aus, legt den Kopf in ihren Nacken und atmet mit geschlossenen Augen tief ein und wieder aus.
«Herrlich, so ein Ausflug in der Natur», sagt sie mit funkelnden Augen.
Manon, die vor ihr geht, dreht sich um und lächelt spöttisch. «Natur, ja?»
Ina verdreht die Augen und geht weiter. Ihre Freundin scheint heute nicht besonders gut aufgelegt zu sein. Normalerweise spielt sie das Spiel mit.
«Weshalb bist du mitgekommen, wenn dir gar nicht danach ist?», fragt sie nachdem beide eine Weile stumm nebeneinander her gegangen sind.
«Mir war nach Bewegung», antwortet Manon, um dann hinzuzufügen: «Und ich wollte dich mal wieder sehen.»
Ina knufft ihr freundschaftlich in den Oberarm. «Es ist wirklich schön, dass wir uns endlich wieder einmal treffen. Wie läuft es zu Hause?»
«Wie immer. Tobi ist auf Krawall gebürstet und spricht über nichts Anderes als die Revolution.» Tobi ist Manons siebzehnjähriger Bruder und macht gerade seine rebellische Phase durch.
«Die ‹Revolution›! Das sind doch einfach ein paar Teenager, die nicht wissen, was sie mit sich anfangen sollen», entgegnet Ina. Ihre Freundin nickt bestätigend, möchte aber nicht länger darüber sprechen. Ina macht sich keine Sorgen um diese Gruppe von Spinnern. Sie waren ohnehin zu wenig und konnten nichts und niemanden ernsthaft gefährden.
Die herabgefallenen Piniennadeln knirschen unter ihren Füssen und Ina wünschte, sie könnte den reichen Duft der Bäume riechen. Das vermisst sie manchmal.
«Hast du von den Stromausfällen gehört?», fragt Manon und reisst Ina aus ihren Gedanken.
«Ja, ich habe es im Neuigkeitenblitz gesehen. Schrecklich! Nicht auszumalen, wenn das bei mir geschehen würde.»
«Ich schliesse nicht aus, dass es uns ebenfalls betreffen kann. Ich glaube, die Lage ist ernster, als die Regierung durchblicken lässt.»
«Das wäre dann gefundenes Fressen für die Revolution», entgegnet Ina mit einem leicht spöttischen Unterton.
Manon verdreht die Augen. «Ich würde mich an deiner Stelle weniger lustig über die Revolution machen, dafür aber mehr Sorgen darüber, was bei grossflächigen Ausfällen tatsächlich geschehen würde. Glaubst du nicht auch, das würde 99 % der Menschen die Realität rauben? Wie würde es dir ergehen, wenn du plötzlich ohne Strom dastehst?»
Ina hat ihre Freundin schon lange nicht mehr so aufgebracht gesehen. Sie legt ihr einen Arm um die Schulter. «Du machst dir wirklich so grosse Sorgen?»
«Ja und das solltest du auch.»
«Klar, ist die Vorstellung unangenehm. Ohne Strom kann ich meinen Alltag gar nicht mehr bewältigen. Es ist aber nicht so, als könnten wir tatsächlich etwas dagegen tun.»
«Und genau mit diesen Gedanken unterstützt du das System», feuert Manon zurück.
Ina schaut ihre Freundin erschrocken an. «Was ist denn los mit dir? Hat Tobi etwa doch auf dich abgefärbt?»
Manon schüttelt den Kopf und schaut sie entschuldigend an. «Tut mir leid, ich bin einfach ein wenig gereizt in letzter Zeit. Wir wussten schon immer, dass grossflächige Stromausfälle dem System enormen Schaden zufügen können, aber wie so oft wollten wir nicht wahrhaben, dass dies tatsächlich geschehen könnte.»
Sie seufzt tief und schaut ihre Freundin an. Eine tiefe Sorgenfalte zieht sich über ihre Stirn. «Du hast Recht. Wir gehen immer davon aus, dass die Worst-Case-Szenarien niemals eintreten werden.»
«Genau! Erinnerst du dich an die massiven Überschwemmungen vor ein paar Jahren? Wir haben uns sicher gefühlt, bis die Natur zurückschlug.»
«Das stimmt, aber wir haben uns mittlerweile auch besser abgesichert», wirft Ina ein.
«Ich glaube nicht, dass wir uns gegen alles abgesichert haben. Vielleicht sind diese Stromausfälle die Ankündigung der nächsten Katastrophe.»
Bevor Ina etwas erwidern kann, erreichen die beiden jungen Frauen das Ende des Pinienwalds und werden mit einer atemberaubenden Aussicht belohnt. Der Wanderweg verläuft nun parallel zu einer hohen Klippe. Zu ihrer Linken erstrecken sich saftig grüne Wiesen, dreissig Meter weiter unten zu ihrer Rechten das endlos blaue Meer. Es ist eine Szene wie aus dem Bilderbuch und der Grund, weshalb sie sich für diese Wanderung entschieden haben. Dieser Anblick entlockt sogar der angespannten Manon ein Lächeln und lässt die Gedanken beider Frauen an Naturkatastrophen und Stromausfälle in den Hintergrund treten.
Doch die Idylle wird jäh unterbrochen, als Manons Hände plötzlich unkontrolliert zu zucken beginnen. Beide Frauen schauen sich erschrocken an. Manon schnappt nach Luft, unfähig etwas zu sagen. So schnell wie der Anfall gekommen ist, hört er aber auch wieder auf. Manon betrachtet ihre Hände, dreht und schüttelt sie.
«Was war das?», fragt Ina, als sie ihre Stimme wiederfindet. Noch nie hat sie so etwas gesehen.
Manon schüttelt nur den Kopf und lässt ihre Hände wieder sinken. «Ich weiss es nicht.»
«Aber alles okay? Wie fühlst du dich?», hakt Ina besorgt nach.
«Normal, es ist alles gut», beruhigt Manon sie.
Inas Puls beruhigt sich langsam wieder und die beiden Frauen gehen weiter, aber wohl ist ihnen nicht mehr so ganz. Selbst die wunderschöne Aussicht kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass gerade etwas höchst Merkwürdiges geschehen ist. Manon beginnt ein belangloses Gespräch, das von der Situation ablenken soll und Ina macht mit, obwohl sie sich kaum auf die neusten Trends elektronischer Geräte konzentrieren kann.
An dieser Stelle des Weges müssen die beiden Frauen hintereinander gehen, weil sich dieser plötzlich verengt. Linkerhand werden die grünen Wiesen durch einen mächtigen Felsblock verdeckt. Der Wanderweg schlängelt sich nahe dem Abgrund entlang und ist nicht gesichert. Nicht zum ersten Mal spielt Ina mit dem «Was wäre wenn»-Gedanken. Vor ihr bleibt Manon stehen und blickt auf das Meer. Sie tut es ihr gleich und lauscht dem Rauschen der Wellen. Durch die Felswand verstärkt, war es hier besonders deutlich und klar zu hören. Ina betrachtet ihre Trekking-Schuhe, die bereits ganz staubig sind. Wie praktisch, dass ich sie nicht selbst putzen muss, denkt sie bei sich. Obwohl die Wanderung nicht anstrengend ist, geht ihr Atem schneller als üblich. Sie schiebt es auf den Schreck von vorhin und darauf, dass sie sich in letzter Zeit zu wenig bewegt hat.
«Phuu», sagt Ina und streckt die Arme in die Luft. «Ich bin etwas untrainiert geworden.»
Ihre Freundin lächelt. «Wäre ich bestimmt auch, wenn mich Tobi nicht jeden zweiten Morgen zu seinem Lauf mitschleppt.»
«Wirklich?», entgegnet Ina überrascht. «Draussen?»
Manon lacht. «Ja, draussen.» Sie sagt es, als sei es das normalste der Welt.
«Aber ihr könntet doch auch …?»
Doch bevor sie den Satz zu Ende sprechen kann, fällt ihr ihre Freundin ins Wort: «Klar, aber du kennst ja Tobi.»
Ina kennt ihn nicht – oder zumindest nicht mehr. Vor ein paar Jahren hat sie ihn mal gesehen, aber da war er noch ein Junge mit brav gescheiteltem Haar. Dieses Bild lässt sich schwer mit dem Tobi von heute vereinen, der draussen herumrennt und von der Revolution schwafelt. Sie weiss nicht, was sie auf Manons Kommentar erwidern soll, zumal ihre Freundin heute in einer seltsamen Stimmung ist. Sie wechselt deshalb das Thema und beginnt von einer Party zu erzählen, an der sie vor ein paar Tagen teilgenommen hat.
Sie lassen die enge Stelle hinter sich und können bald wieder nebeneinander hergehen. Waren sie zuvor alleine, können die beiden Frauen nun weit in der Ferne zwei weitere Figuren ausmachen, die sich für diese Wanderung entschieden haben. Obwohl die Sonne mittlerweile richtig auf sie herunterbrennt, schwitzen beide kaum.
Noch immer wirft Ina ab und an einen besorgten Blick in die Richtung ihrer Freundin. Sie ist sich sicher, dass diese den Vorfall herunterspielt, um sie nicht noch mehr zu beunruhigen. Doch Manon scheint sich wirklich gut zu fühlen und erzählt munter von ihrem neuen Job. Gerade als sie sich selbst davon überzeugt hat, dass es wirklich nur eine einmalige Sache war, beginnt es erneut: Manons Hände beginnen zu zittern. Dieses Mal hört es aber nicht auf und bald zittert sie am ganzen Körper. Sie scheint sich mehr selbständig bewegen zu können. Manon blickt Ina nur starr mit aufgerissenen Augen an. Dann ist sie weg. Einfach so. Wie vom Erdboden verschluckt.
Fortsetzung folgt.
Mit geschlossenen Augen dem fröhlichen Gezwitscher der Vögel lauschen
Tief ein- und ausatmen, sich befreit fühlen
Die Augen langsam wieder öffnen
Ins Sonnenlicht blinzeln, glücklich sein
Die gelben Blumen betrachten und ihren süssen Duft riechen
Dann selig lächelnd das Buch aufschlagen
Lesend durch die Seiten fliegen bis die Sonne den Balkon erreicht und es fast zu heiss wird.
«Magst du etwas aus dem Shop?», rufe ich durch die geöffnete Fahrertür.
«Nein, danke», sagt Marisa und schaut dabei nicht von ihrem Handy auf.
Ich schliesse die Fahrertür und laufe von der Zapfsäule zum kleinen Tankstellenshop. Es ist fast vollständig dunkel und ohne Jacke fröstle ich leicht. Die Arme um meinen Oberkörper geschlungen, betrete ich das helle Innere des Shops. Eine gelangweilte Mittzwanzigerin sitzt hinter der Kasse und kaut Kaugummi. Der einzige andere Kunde ist ein älterer, untersetzter Mann, der das Bierregal eingehend betrachtet. Ich nehme mir eine Cola aus dem Kühlschrank und gehe zur Kasse.
«Haben Sie auch getankt?», fragt mich die Kassiererin ohne Begrüssung.
Ich nicke und antworte: «Säule zwei.»
Nachdem ich bezahlt habe, gehe ich schnell zurück zum Auto, um nicht zu frieren. Rechts von mir höre ich das Rauschen der Autobahn. Obwohl an der Tankstelle wenig läuft, sind viele Autos unterwegs. Ich öffne die Autotür und möchte mich setzen, als ich verdutzt innehalte.
«Marisa?», frage ich, obwohl ich sehen kann, dass sie sich nicht mehr auf dem Beifahrersitz befindet. Ich schaue auf dem Rücksitz nach, aber auch da sitzt keine Marisa. Verwirrt gehe ich ums Auto herum, doch keine Spur von meiner Freundin. Da mir nun wirklich kalt ist, setze ich mich ins Auto. Bestimmt ist sie nur schnell zur Toilette gegangen. Ich warte fünf Minuten, dann zehn. Schliesslich rufe ich unseren WhatsApp-Chat auf und schreibe: Wo bist du? Die blauen Haken werden auch nach fünf weiteren Minuten nicht angezeigt. Wie um mich zu quälen, steht unter ihrem Namen Zuletzt online vor fünfzehn Minuten. Zu diesem Zeitpunkt war ich im Tankstellenshop. Mir wird bewusst, dass ich noch immer neben der Zapfsäule parke. Ich lasse den Motor an und stelle das Auto auf einen der Parkplätze direkt vor dem Shop.
Langsam beginne ich mir Sorgen zu machen und so beschliesse ich, im Shop nachzufragen. Die gelangweilte Kassiererin erkennt mich nicht wieder.
«An welcher Säule haben Sie getankt?», fragt sie, da ich keine Artikel aus dem Shop in der Hand habe.
«Ich … Ich war vor fünfzehn Minuten schon einmal hier», beginne ich zögerlich. Ich weiss eigentlich gar nicht, was ich sagen soll.
«Ja? Haben Sie etwas vergessen?»
«Ich finde meine Freundin nicht mehr», platzt es aus mir heraus.
Die Kassiererin hebt nur fragend eine Augenbraue.
«Ich meine, sie war mit mir im Auto. Ich bin reingekommen, um zu zahlen, und als ich zurück zum Auto kam, war sie weg.»
Die junge Frau sieht mich an, als hätte ich den Verstand verloren. «Vielleicht ist sie eine rauchen gegangen?»
«Nein, nein. Marisa raucht nicht und dann müsste ich sie doch sehen. Wo sind denn eure Toiletten?» Plötzlich kommt mir ein neuer schrecklicher Gedanken: Was, wenn sie ohnmächtig geworden ist und sich den Kopf gestossen hat?
«Die sind da hinten», sagt die Kassiererin und deutet auf eine Tür im hinteren Teil des Shops. «Aber da ist sie bestimmt nicht. Ich habe niemanden rein- oder rauskommen sehen in der letzten halben Stunde.»
«Sind Sie sicher?», hake ich nach.
«Ganz sicher. Ausserdem hätten Sie sie dann ebenfalls sehen müssen, wenn Sie im Shop waren.»
Das stimmt natürlich. Trotzdem drehe ich mich um und gehe zur Toilette. Sie ist leer. Keine Spur von Marisa. Ich ziehe mein Handy aus der Hosentasche und rufe sie an, doch nach mehrmaligem Klingeln kommt die Mailbox.
«Ich rufe die Polizei», sage ich und erst als die Kassiererin fragt, ob ich sicher sei, wird mir bewusst, dass ich das laut gesagt habe.
«Natürlich bin ich mir sicher! Das ist ein Vermisstenfall», rufe ich aufgebracht und wähle die Notrufnummer.
Fünfzehn Minuten später trifft ein Streifenwagen ein und zwei Polizisten steigen aus. Die schwarzhaarige Frau stellt sich und ihren Kollegen vor und führt mich zu meinem Auto. Dort wiederhole ich, was ich bereits am Telefon gesagt habe: Ich war mit meiner Freundin Marisa unterwegs, ich musste tanken, ich kam zurück vom Shop und Marisa war nicht mehr da.
«Sind Sie auf dem Heimweg?»
«Ja, wir wohnen zwanzig Minuten von hier. Normalerweise fahre ich hier nicht raus, aber die Tankanzeige leuchtete schon etwas zu lange.»
«Und wo waren Sie heute?», hakt die Polizistin nach.
«Wir sind wellnessen gefahren. Das machen wir regelmässig», antworte ich wahrheitsgemäss.
«Unter der Woche?», wirft der männliche Polizist ein und schaut mich stirnrunzelnd an.
«Marisa arbeitet als Krankschwester in Schichten und ich habe mir freigenommen heute. Es hat weniger Leute unter der Woche», schiebe ich erklärend nach.
«Wenn Sie gemeinsam wellnessen waren», nimmt die Polizistin das Gespräch wieder in die Hand und betont dabei das Wort wenn, «dann müssten die Sachen Ihrer Freundin noch im Auto sein, richtig? Haben Sie das überprüft?»
Daran habe ich noch nicht gedacht. «Nein, ich habe den Kofferraum nicht geöffnet», entgegne ich deshalb und laufe sofort zur Rückseite des Autos. Mit zitternden Fingern öffne ich den Kofferraum und sehe eine Tasche – meine Tasche. Ansonsten ist der Kofferraum leer.
«Das kann nicht sein», sage ich schwach und muss mich setzen.
«Was ist los Frau Steiner?», fragt mich die Polizistin und wirft ebenfalls einen Blick in den Kofferraum. «Wessen Tasche ist das?», fragt sie, obwohl ich sicher bin, dass sie die Antwort bereits kennt.
«Es ist meine Tasche», antworte ich mit kaum hörbarer Stimme.
«Und es befindet sich keine zweite Tasche im Auto?», versichert sie sich.
Ich schüttle den Kopf. Die Polizistin verlangt von mir, dass ich die Tasche öffne und findet darin mein nasses Handtuch und das darin eingewickelte Bikini sowie meine Duschsachen.
«Können Sie sich erklären, weshalb nur Ihre Sachen hier sind?»
«Nein», antworte ich und beginne zu weinen. Ich kann mir gerade überhaupt nichts mehr erklären.
Ich spüre, dass sich die beiden Polizisten langsam fragen, ob Marisa überhaupt bei mir im Auto war. Sie diskutieren leise miteinander und ich bekomme mit, wie der männliche Polizist die Überwachungskameras erwähnt. Als er zurück zum Shop geht, springe ich auf.
«Ich möchte die Bilder ebenfalls sehen», sage ich mit neugewonnener Kraft.
Ich sehe den beiden Polizisten an, dass sie dagegen sind, aber ich muss so verzweifelt aussehen, dass sie schliesslich doch zustimmen. Das Verhalten der Kassiererin hat sich trotz der unüblichen Umstände nicht verändert: Noch immer wirkt sie gelangweilt und führt uns nur widerwillig in den stickigen Büroraum, indem ein alter Computer steht.
«Ich muss Sie warnen: Die Kameras sind nicht sonderlich gut und haben immer wieder Wackelkontakt, was zu Aussetzern führt», sagt sie, bevor sie das Passwort eingibt.
Ich spüre, wie mir der Schweiss ausbricht. Gleich werden wir wissen, wohin Marisa gegangen ist. Die Kassiererin gibt die gewünschte Zeit ein, doch die ersten zwanzig Sekunden ist nur Bildrauschen zu sehen. Dann erscheint das Bild der Tankstelle. Ich sehe mich selbst: Ich scheine soeben die Tür geschlossen zu haben. Ich schlinge die Arme fröstelnd um mich und laufe schnell zum Shop-Eingang.
«Können Sie hier pausieren und reinzoomen?», fragt die Polizistin in meine Gedanken hinein.
Die Kassiererin gehorcht und zoomt mein Auto heran. Die einbrechende Dämmerung ist keine grosse Hilfe. Es ist unmöglich zu erkennen, dass sich Marisa auf dem Beifahrersitz befindet.
Die Aufnahme läuft weiter, doch die Beifahrertür meines Wagens bleibt geschlossen und es fahren auch keine weiteren Autos an die Tankstelle. Dann bricht die Aufnahme erneut ab und setzt erst wieder ein, als ich suchend um mein Auto herumgehe.
«Mist», flucht der Polizist.
«Gibt es gar keine Möglichkeit, die fehlenden Aufnahmen zu bekommen?», fragt die Polizistin frustriert.
«Nein, tut mir leid. Es liegt nicht am Programm, sondern an den Kameras selbst. Nicht mehr die neusten Modelle», antwortet die junge Frau und zum ersten Mal kann ich so etwas wie Bedauern in ihrer Stimme hören.
Die beiden Polizisten bedanken sich und gemeinsam verlassen wir das Hinterzimmer wieder.
«Wir sollten eine Suchstaffel losschicken», schlage ich hoffnungsvoll vor.
«Am besten kommen Sie zuerst mit auf die Station», antwortet die Polizistin darauf.
Ich bin mit diesem Vorschlag überhaupt nicht einverstanden. Ich soll diesen Ort einfach so verlassen? Was, wenn Marisa zurückkommt? Oder schlimmer noch: Was, wenn sie meine Hilfe braucht? Nach einigem Hin und Her überzeugen die Polizisten mich schliesslich doch, mit auf die Station zu kommen. Der Polizist fährt mein Auto und ich setze mich zur Polizistin auf den Beifahrersitz. Wir sprechen nicht viel während der Fahrt. Ich bin völlig durch den Wind und kann kaum einen klaren Gedanken fassen. Wo ist Marisa und weshalb ist sie spurlos aus meinem Auto verschwunden?
Auf der Station beschliessen die beiden Polizisten, erstmal eine Datenbankabfrage zu machen. Ich beteuere zwar, dass Marina keine Vorstrafen hat, doch sie beharren darauf, ihre Daten einzugeben. Schliesslich gebe ich nach und nenne Marisas vollen Namen und ihr Geburtsdatum. Mit einem leisen Ping meldet der Computer, dass die Suche abgeschlossen ist.
Die Polizistin sieht mich an, sagt aber nichts und überprüft zuerst nochmals das Resultat auf ihrem Bildschirm. «Frau Steiner», sagt sie dann ganz behutsam, «Marisa ist tot.»
Tausend Gedanken schiessen mir gleichzeitig durch den Kopf, doch nur einer kristallisiert sich heraus: Weshalb ist ihr Tod bereits im System?
«Wie kann das so schnell bekannt sein?», frage ich zur Überraschung aller Anwesenden als erstes.
«Sie ist bereits vor drei Jahren verstorben. Ein Autounfall mit Fahrerflucht», sagt die Polizistin und benutzt dabei die gleiche sanfte Stimme wie zuvor.
«Nein», antworte ich fassungslos. «Sie war doch gerade noch da. Sie war gerade noch bei mir!»
Ich verliere die Kontrolle über meinen Körper und beginne haltlos zu weinen.
Ich bekomme nicht mehr mit, wie die Polizistin meinen eigenen Namen in die Datenbank eingibt. Ich bekomme nicht mehr mit, wie sie herausfindet, dass ich an jenem Tag dabei war. Ich bekomme auch nicht mehr mit, wie sie meine Krankenakte öffnet und nachliest, dass ich nach dem Unfall mehr als ein Jahr in der psychiatrischen Klinik verbracht habe.
Ich komme erst wieder zu mir, als ich in einem Bett in derselben Klinik liege. Ein Arzt spricht zu mir, doch ich verstehe nur einzelne Worte: Psychose, Rückfall, Einweisung.
Marisa, weshalb wollten wir an jenem kalten Abend unbedingt noch in die Stadt? Weshalb haben wir nicht einfach bei dir auf dem Sofa einen Film geschaut und Popcorn gegessen?
Es begann schon am frühen Morgen. Der Wecker klingelte und sie benutzte die Snooze-Funktion drei Mal, bevor sie sich rühren und aufstehen konnte. Sie wankte in die Küche und machte die Kaffeemaschine an, um sich anschliessend unter die heisse Dusche zu stellen. Nachdem sie sich angezogen hatte, ging sie zurück in die Küche, wo sie ihren Kaffee trank. Hätte sie es da schon wissen müssen? Der Kaffee schmeckte ungewöhnlich bitter und sie leerte ihn deshalb angeekelt weg. Zeit für einen neuen hatte sie nicht. Sie schnappte sich ihre Handtasche und die Hausschlüssel, wobei sie die kleine Glasschale streifte, in der sie die Münzen aufbewahrte. Sie fiel klirrend zu Boden.
Im Bus fand sie keinen Sitzplatz mehr und musste eingepfercht zwischen drei Jugendlichen, die nach Red Bull und kaltem Zigarettenrauch stanken, die sechs Stationen bis zur grossen Marktgasse fahren. Als sie ausstieg, nahm sie ein paar tiefe Atemzüge, bevor sie die Strasse überquerte und in die Fussgängerzone einbog. Keine zwei Minuten später stolperte sie über einen leicht hervorstehenden Stein des Kopfsteinpflasters. Ein schneller Blick auf ihre neuen Schuhe zeigte, dass diese einen hässlichen und sichtbaren Kratzer abbekommen hatten. Sichtlich schlecht gelaunt, betrat sie den Coiffeursalon, indem sie arbeitete. Ihre Kollegin war bereits da und begrüsste sie freundlich.
Sie schüttelte bloss abwehrend den Kopf. «Heute ist nicht mein Tag», murmelte sie und hängte ihre Jacke im Hinterzimmer auf. Sie warf einen erneuten Blick auf ihre Schuhe, was ihre Laune weiter verschlechterte. Heute hätte sie einen ruhigen Tag gebraucht. Aber es war Freitag und da viele Leute bereits Wochenende hatten, war dies nebst dem Samstag der stressigste Tag der Woche. Wenigstens konnte sie sich auf den Kinoabend mit ihrer besten Freundin freuen. Nur noch elf Stunden und dann würden sie gemeinsam am Kiosk anstehen und sich – wie immer – darüber streiten, ob süsses oder salziges Popcorn die richtige Wahl war. Die Entscheidung fiel auch jedes Mal gleich aus: Sie nahm sich süsses Popcorn und ihre Freundin entschied sich für die salzige Variante. Sie wollte gerade nach vorne gehen, um ihre erste Kundin zu empfangen, als ihr Handy vibrierte. Rasch zog sie es aus der Jackentasche und bereute es sogleich.
Hi Süsse, bin mit Fieber aufgewacht und habe monstermässige Kopfschmerzen. Bin bis heute Abend bestimmt nicht wieder fit. Sehen wir uns den Film ein anderes Mal an? XX
Am liebsten hätte sie das Telefon gegen die Wand geschleudert. Kurz überlegte sie sich, ob sie einfach eine Migräne vortäuschen und den Rest des Tages im Bett verbringen sollte. Dort wäre sie sicher vor allem und allen. Stattdessen tippte sie eine kurze Antwort an ihre Freundin und ging dann in den Salon zurück, wo ihre Kundin bereits lächelnd an einer der Stationen sass. Sie setzte ein Lächeln auf, begrüsste die Kundin mit Namen und begann mit der Arbeit.
Bis am Mittag verlief der Tag ohne grössere Zwischenfälle und sie erlaubte sich, vorsichtig durchzuatmen. Ein schlechter Tagesstart konnte ja jedem mal passieren. Diese Zuversicht wurde dadurch geschmälert, dass sie sich in der Mittagspause mit Sauce bekleckerte und den Fleck nicht aus der Hose rausbekam.
Sie hatte es sich angewöhnt, nicht im Voraus zu wissen, wer als nächstes auf ihrem Stuhl Platz nahm. Es ersparte ihr einige Stunden Ärger, nicht zu wissen, wenn eine unbeliebte Person einen Termin hatte und im Gegenzug freute sie sich umso mehr, wenn unverhofft eine Lieblingskundin zur Tür hereinkam. An diesem Tag hätte sie gut daran getan, mit dieser Regel zu brechen. Denn pünktlich um halb zwei wurde die Ladentür energisch aufgerissen und eine elegante Mittfünfzigerin schritt auf hohen Absätzen in den Salon. Sie kam gerade aus dem Hinterzimmer und hätte am liebsten gleich wieder kehrt gemacht, als sie die Frau sah. Doch es war bereits zu spät: Ihre Kundin hatte sie gesehen und schenkte ihr ein kühles Lächeln. Alle drei Wochen hatte sie das Vergnügen. Alle sechs Wochen stand ein langer Termin inklusive Färben an. Und heute war mal wieder die sechste Woche. Sie stöhnte innerlich, setzte aber ein professionelles Lächeln auf und begrüsste ihre Stammkundin freundlich. Sie hoffte, dass die Kundin heute so beschäftigt war, dass sie während des ganzen Termins frenetisch E-Mails beantwortete und Ihrer Assistentin Sprachnachrichten im Fünf-Minuten-Takt schickte. Doch natürlich war dem nicht so: Sie habe gestern ein wichtiges Projekt abschliessen können und habe bis nächste Woche ausnahmsweise weniger zu tun. Für sie hiess das: Smalltalk. Sie quälte sich durch das Gespräch über die aktuelle Wetterlage und hörte sich die Neuigkeiten aus den europäischen Königshäusern an. Es war für sie immer wieder aufs Neue erstaunlich, dass sich diese erfolgreiche Geschäftsfrau wie ein junges Mädchen in der vordersten Reihe eines Harry Styles-Konzerts benahm, wenn sie über die Adelsfamilien sprach. Sie selbst konnte dem ohnehin wenig abgewinnen, aber dass gerade diese Frau so Feuer und Flamme dafür war, verstand sie nicht.
Sie war froh als sie, zwecks Einwirkung der neuen Farbe, fünf Minuten Pause machen und im Hinterzimmer verschwinden konnte. Dort massierte sie ihre Schläfen. Mittlerweile hatte sie wirklich Kopfschmerzen. Allzu bald war die Schonfrist allerdings wieder vorbei: Sie setzte ein Lächeln auf und kehrte in den Salon zurück. Als sie vorsichtig die Alufolie entfernte, bemerkte sie, wie die Kundin sie musterte.
«Wie lange liegt denn Ihr Coiffeurbesuch zurück?», fragte sie schliesslich und fixierte sie durch den Spiegel hindurch.
«Neun Wochen», erwiderte sie ungerührt und arbeitete weiter.
«Na, das sieht man aber», sagte die Kundin mit einem Kopfnicken in Richtung ihres Haaransatzes. «Wissen Sie, es wird nicht umsonst empfohlen, alle sechs Wochen nachzufärben.»
Sie zwang sich zu einem weiteren Lächeln, obwohl innerlich alles brodelte. Die Empfehlungen gingen auseinander, das wusste sie als Fachspezialistin am besten. Trotzdem hatte die Kundin einen wunden Punkt getroffen: Ihr Termin von vor zwei Wochen war krankheitsbedingt ausgefallen und sie hatte noch keinen neuen abgemacht.
Gerade als sie die Schere ansetzen wollte, sagte die Kundin: «Und Spliss haben Sie auch ohne Ende, dass man sie so überhaupt zur Arbeit lässt!»
Später würde sie nicht mehr sagen können, wie genau alles ablief, denn als sie wieder zu sich kam, stand sie zitternd auf der Strasse, die blitzende Schere noch immer in der Hand. Aus dem Inneren des Salons drang hysterisches Geschrei, dass sie nicht zuordnen konnte. Sie blickte auf ihre Schere und sah, dass nasses Haar daran klebte. Sie drehte sich um und sah, wie ihre Kollegin die wildgestikulierende Geschäftsfrau zu beruhigen versuchte. Als diese sich einmal halb umdrehte, sog sie erschrocken die Luft ein. Auf der linken Seite glich die Frisur – wenn man das denn noch so nennen konnte – einem zerrupften Huhn. Sie schlug die Hand vor den Mund und liess die Schere zu Boden fallen. Dieser Tag war definitiv nicht für sie gemacht.
Sogar die Lokalzeitung nahm die Geschehnisse auf. «Die verrückte Friseuse», titelte sie und bildete eine Aussenaufnahme des Salons ab:
Am vergangenen Freitagnachmittag kam es im Coiffeursalon Elle&Belle in der Innenstadt zu einem unschönen Zwischenfall. Aus heiterem Himmel zerschnitt die Friseuse A. B.* einer ihrer Stammkundinnen das Haar und hörte nicht auf, bevor ihre Arbeitskollegin sie wegzog und vor die Tür stiess. Die Kundin, eine lokale Geschäftsfrau, zeigte sich zutiefst schockiert über diesen Vorfall. Die Frisur war nicht mehr zu retten und musste mit einer Kurzhaarfrisur einigermassen in Form gebracht werden. «Ich fürchtete um mein Leben! Wer weiss: Vielleicht hätte sie mir die Schere auch in den Hals gerammt», sagt die Kundin.
Sie hat umgehend Anzeige erstattet: «Ich möchte, dass diese Person aus dem Verkehr gezogen wird. Sie ist gefährlich», sagt sie über die Gründe ihres Entscheides. Die Kollegin von A. B., die an diesem Tag ebenfalls im Salon anwesend war, berichtet: «Ich kann mir nicht erklären, weshalb A. diesen Aussetzer hatte. Sie erwähnte, sie habe einen schwierigen Tag, aber das wohl der Kunden zu gefährden sieht ihr gar nicht ähnlich.» A. B. wurde noch am Freitag entlassen.
*Name der Redaktion bekannt.
ZUK.