Wo bist du?

«Magst du etwas aus dem Shop?», rufe ich durch die geöffnete Fahrertür.

«Nein, danke», sagt Marisa und schaut dabei nicht von ihrem Handy auf.

Ich schliesse die Fahrertür und laufe von der Zapfsäule zum kleinen Tankstellenshop. Es ist fast vollständig dunkel und ohne Jacke fröstle ich leicht. Die Arme um meinen Oberkörper geschlungen, betrete ich das helle Innere des Shops. Eine gelangweilte Mittzwanzigerin sitzt hinter der Kasse und kaut Kaugummi. Der einzige andere Kunde ist ein älterer, untersetzter Mann, der das Bierregal eingehend betrachtet. Ich nehme mir eine Cola aus dem Kühlschrank und gehe zur Kasse.

«Haben Sie auch getankt?», fragt mich die Kassiererin ohne Begrüssung.

Ich nicke und antworte: «Säule zwei.»

Nachdem ich bezahlt habe, gehe ich schnell zurück zum Auto, um nicht zu frieren. Rechts von mir höre ich das Rauschen der Autobahn. Obwohl an der Tankstelle wenig läuft, sind viele Autos unterwegs. Ich öffne die Autotür und möchte mich setzen, als ich verdutzt innehalte.

«Marisa?», frage ich, obwohl ich sehen kann, dass sie sich nicht mehr auf dem Beifahrersitz befindet. Ich schaue auf dem Rücksitz nach, aber auch da sitzt keine Marisa. Verwirrt gehe ich ums Auto herum, doch keine Spur von meiner Freundin. Da mir nun wirklich kalt ist, setze ich mich ins Auto. Bestimmt ist sie nur schnell zur Toilette gegangen. Ich warte fünf Minuten, dann zehn. Schliesslich rufe ich unseren WhatsApp-Chat auf und schreibe: Wo bist du? Die blauen Haken werden auch nach fünf weiteren Minuten nicht angezeigt. Wie um mich zu quälen, steht unter ihrem Namen Zuletzt online vor fünfzehn Minuten. Zu diesem Zeitpunkt war ich im Tankstellenshop. Mir wird bewusst, dass ich noch immer neben der Zapfsäule parke. Ich lasse den Motor an und stelle das Auto auf einen der Parkplätze direkt vor dem Shop.

Langsam beginne ich mir Sorgen zu machen und so beschliesse ich, im Shop nachzufragen. Die gelangweilte Kassiererin erkennt mich nicht wieder.

«An welcher Säule haben Sie getankt?», fragt sie, da ich keine Artikel aus dem Shop in der Hand habe.

«Ich … Ich war vor fünfzehn Minuten schon einmal hier», beginne ich zögerlich. Ich weiss eigentlich gar nicht, was ich sagen soll.

«Ja? Haben Sie etwas vergessen?»

«Ich finde meine Freundin nicht mehr», platzt es aus mir heraus.

Die Kassiererin hebt nur fragend eine Augenbraue.

«Ich meine, sie war mit mir im Auto. Ich bin reingekommen, um zu zahlen, und als ich zurück zum Auto kam, war sie weg.»

Die junge Frau sieht mich an, als hätte ich den Verstand verloren. «Vielleicht ist sie eine rauchen gegangen?»

«Nein, nein. Marisa raucht nicht und dann müsste ich sie doch sehen. Wo sind denn eure Toiletten?» Plötzlich kommt mir ein neuer schrecklicher Gedanken: Was, wenn sie ohnmächtig geworden ist und sich den Kopf gestossen hat?

«Die sind da hinten», sagt die Kassiererin und deutet auf eine Tür im hinteren Teil des Shops. «Aber da ist sie bestimmt nicht. Ich habe niemanden rein- oder rauskommen sehen in der letzten halben Stunde.»

«Sind Sie sicher?», hake ich nach.

«Ganz sicher. Ausserdem hätten Sie sie dann ebenfalls sehen müssen, wenn Sie im Shop waren.»

Das stimmt natürlich. Trotzdem drehe ich mich um und gehe zur Toilette. Sie ist leer. Keine Spur von Marisa. Ich ziehe mein Handy aus der Hosentasche und rufe sie an, doch nach mehrmaligem Klingeln kommt die Mailbox.

«Ich rufe die Polizei», sage ich und erst als die Kassiererin fragt, ob ich sicher sei, wird mir bewusst, dass ich das laut gesagt habe.

«Natürlich bin ich mir sicher! Das ist ein Vermisstenfall», rufe ich aufgebracht und wähle die Notrufnummer.

Fünfzehn Minuten später trifft ein Streifenwagen ein und zwei Polizisten steigen aus. Die schwarzhaarige Frau stellt sich und ihren Kollegen vor und führt mich zu meinem Auto. Dort wiederhole ich, was ich bereits am Telefon gesagt habe: Ich war mit meiner Freundin Marisa unterwegs, ich musste tanken, ich kam zurück vom Shop und Marisa war nicht mehr da.

«Sind Sie auf dem Heimweg?»

«Ja, wir wohnen zwanzig Minuten von hier. Normalerweise fahre ich hier nicht raus, aber die Tankanzeige leuchtete schon etwas zu lange.»

«Und wo waren Sie heute?», hakt die Polizistin nach.

«Wir sind wellnessen gefahren. Das machen wir regelmässig», antworte ich wahrheitsgemäss.

«Unter der Woche?», wirft der männliche Polizist ein und schaut mich stirnrunzelnd an.

«Marisa arbeitet als Krankschwester in Schichten und ich habe mir freigenommen heute. Es hat weniger Leute unter der Woche», schiebe ich erklärend nach.

«Wenn Sie gemeinsam wellnessen waren», nimmt die Polizistin das Gespräch wieder in die Hand und betont dabei das Wort wenn, «dann müssten die Sachen Ihrer Freundin noch im Auto sein, richtig? Haben Sie das überprüft?»

Daran habe ich noch nicht gedacht. «Nein, ich habe den Kofferraum nicht geöffnet», entgegne ich deshalb und laufe sofort zur Rückseite des Autos. Mit zitternden Fingern öffne ich den Kofferraum und sehe eine Tasche – meine Tasche. Ansonsten ist der Kofferraum leer.

«Das kann nicht sein», sage ich schwach und muss mich setzen.

«Was ist los Frau Steiner?», fragt mich die Polizistin und wirft ebenfalls einen Blick in den Kofferraum. «Wessen Tasche ist das?», fragt sie, obwohl ich sicher bin, dass sie die Antwort bereits kennt.

«Es ist meine Tasche», antworte ich mit kaum hörbarer Stimme.

«Und es befindet sich keine zweite Tasche im Auto?», versichert sie sich.

Ich schüttle den Kopf. Die Polizistin verlangt von mir, dass ich die Tasche öffne und findet darin mein nasses Handtuch und das darin eingewickelte Bikini sowie meine Duschsachen.

«Können Sie sich erklären, weshalb nur Ihre Sachen hier sind?»

«Nein», antworte ich und beginne zu weinen. Ich kann mir gerade überhaupt nichts mehr erklären.

Ich spüre, dass sich die beiden Polizisten langsam fragen, ob Marisa überhaupt bei mir im Auto war. Sie diskutieren leise miteinander und ich bekomme mit, wie der männliche Polizist die Überwachungskameras erwähnt. Als er zurück zum Shop geht, springe ich auf.

«Ich möchte die Bilder ebenfalls sehen», sage ich mit neugewonnener Kraft.

Ich sehe den beiden Polizisten an, dass sie dagegen sind, aber ich muss so verzweifelt aussehen, dass sie schliesslich doch zustimmen. Das Verhalten der Kassiererin hat sich trotz der unüblichen Umstände nicht verändert: Noch immer wirkt sie gelangweilt und führt uns nur widerwillig in den stickigen Büroraum, indem ein alter Computer steht.

«Ich muss Sie warnen: Die Kameras sind nicht sonderlich gut und haben immer wieder Wackelkontakt, was zu Aussetzern führt», sagt sie, bevor sie das Passwort eingibt.

Ich spüre, wie mir der Schweiss ausbricht. Gleich werden wir wissen, wohin Marisa gegangen ist. Die Kassiererin gibt die gewünschte Zeit ein, doch die ersten zwanzig Sekunden ist nur Bildrauschen zu sehen. Dann erscheint das Bild der Tankstelle. Ich sehe mich selbst: Ich scheine soeben die Tür geschlossen zu haben. Ich schlinge die Arme fröstelnd um mich und laufe schnell zum Shop-Eingang.

«Können Sie hier pausieren und reinzoomen?», fragt die Polizistin in meine Gedanken hinein.

Die Kassiererin gehorcht und zoomt mein Auto heran. Die einbrechende Dämmerung ist keine grosse Hilfe. Es ist unmöglich zu erkennen, dass sich Marisa auf dem Beifahrersitz befindet.

Die Aufnahme läuft weiter, doch die Beifahrertür meines Wagens bleibt geschlossen und es fahren auch keine weiteren Autos an die Tankstelle. Dann bricht die Aufnahme erneut ab und setzt erst wieder ein, als ich suchend um mein Auto herumgehe.

«Mist», flucht der Polizist.

«Gibt es gar keine Möglichkeit, die fehlenden Aufnahmen zu bekommen?», fragt die Polizistin frustriert.

«Nein, tut mir leid. Es liegt nicht am Programm, sondern an den Kameras selbst. Nicht mehr die neusten Modelle», antwortet die junge Frau und zum ersten Mal kann ich so etwas wie Bedauern in ihrer Stimme hören.

Die beiden Polizisten bedanken sich und gemeinsam verlassen wir das Hinterzimmer wieder.

«Wir sollten eine Suchstaffel losschicken», schlage ich hoffnungsvoll vor.

«Am besten kommen Sie zuerst mit auf die Station», antwortet die Polizistin darauf.

Ich bin mit diesem Vorschlag überhaupt nicht einverstanden. Ich soll diesen Ort einfach so verlassen? Was, wenn Marisa zurückkommt? Oder schlimmer noch: Was, wenn sie meine Hilfe braucht? Nach einigem Hin und Her überzeugen die Polizisten mich schliesslich doch, mit auf die Station zu kommen. Der Polizist fährt mein Auto und ich setze mich zur Polizistin auf den Beifahrersitz. Wir sprechen nicht viel während der Fahrt. Ich bin völlig durch den Wind und kann kaum einen klaren Gedanken fassen. Wo ist Marisa und weshalb ist sie spurlos aus meinem Auto verschwunden?

Auf der Station beschliessen die beiden Polizisten, erstmal eine Datenbankabfrage zu machen. Ich beteuere zwar, dass Marina keine Vorstrafen hat, doch sie beharren darauf, ihre Daten einzugeben. Schliesslich gebe ich nach und nenne Marisas vollen Namen und ihr Geburtsdatum. Mit einem leisen Ping meldet der Computer, dass die Suche abgeschlossen ist.

Die Polizistin sieht mich an, sagt aber nichts und überprüft zuerst nochmals das Resultat auf ihrem Bildschirm. «Frau Steiner», sagt sie dann ganz behutsam, «Marisa ist tot.»

Tausend Gedanken schiessen mir gleichzeitig durch den Kopf, doch nur einer kristallisiert sich heraus: Weshalb ist ihr Tod bereits im System?

«Wie kann das so schnell bekannt sein?», frage ich zur Überraschung aller Anwesenden als erstes.

«Sie ist bereits vor drei Jahren verstorben. Ein Autounfall mit Fahrerflucht», sagt die Polizistin und benutzt dabei die gleiche sanfte Stimme wie zuvor.

«Nein», antworte ich fassungslos. «Sie war doch gerade noch da. Sie war gerade noch bei mir!»

Ich verliere die Kontrolle über meinen Körper und beginne haltlos zu weinen.

Ich bekomme nicht mehr mit, wie die Polizistin meinen eigenen Namen in die Datenbank eingibt. Ich bekomme nicht mehr mit, wie sie herausfindet, dass ich an jenem Tag dabei war. Ich bekomme auch nicht mehr mit, wie sie meine Krankenakte öffnet und nachliest, dass ich nach dem Unfall mehr als ein Jahr in der psychiatrischen Klinik verbracht habe.

Ich komme erst wieder zu mir, als ich in einem Bett in derselben Klinik liege. Ein Arzt spricht zu mir, doch ich verstehe nur einzelne Worte: Psychose, Rückfall, Einweisung.

Marisa, weshalb wollten wir an jenem kalten Abend unbedingt noch in die Stadt? Weshalb haben wir nicht einfach bei dir auf dem Sofa einen Film geschaut und Popcorn gegessen?