Reaktion

Fortsetzung von Realität.

Ina dreht sich panisch einmal um die eigene Achse, aber Manon bleibt verschwunden. Ihr Atem geht schnell und ihre Gedanken rasen. Eine Möwe fliegt kreischend über ihren Kopf, das Rauschen der Wellen erscheint ihr plötzlich lauter, doch ansonsten ist nichts und niemand zu hören. Selbst die Wanderer in der Ferne sind noch zu weit weg, um irgendetwas mitbekommen zu haben.

«Manon?», ruft sie laut, aber alles bleibt still. Sie dreht sich um 180 Grad und betrachtet den Pfad, von dem sie gekommen sind. Kurz überlegt sie, ob sie zurückgehen soll, doch dann entscheidet sie sich für den einfachen Weg. Sie tippt Daumen und Zeigefinger der linken Hand schnell drei Mal aneinander und dann wird alles schwarz.

Ina setzt Kopfhörer sowie VR-Brille ab, zieht die Sensor-Handschuhe aus und schaltet ihr Laufplatte sowie den Ventilator ab, der unangenehm warme Luft in ihr Gesicht bläst. Sie steht wieder in ihrem eigenen Zimmer. Die wunderschöne Landschaft ist verschwunden. Abgesehen von den Hightech-Geräten und einem grossen Flachbildschirm ist der Raum nur spärlich eingerichtet. An der einen Wand steht ein ungemachtes Bett und auf einem wackeligen Stuhl daneben türmen sich ungewaschene Kleider.

Sie sucht auf dem unordentlichen Bett nach ihrem Smartphone, entsperrt es mit Gesichtserkennung und ruft den Chat mit Manon auf.

Ina: Alles in Ordnung?! Was war das eben?!

Manon sieht ihre Nachricht sofort und beginnt zu tippen.

Manon: Wir haben Stromausfall! Deshalb bin ich aus Metaverse rausgefallen.

Ina: Shit! Aber alles in Ordnung? Hast du etwas gespürt? Es hat furchtbar ausgesehen!!

Manon: Alles gut, bei mir hat das Bild geflackert und es gab einen komischen Ton im Kopfhörer, bevor alles schwarz wurde. Ansonsten ist alles gut.

Ina: Dann bin ich ja froh! So etwas habe ich noch nie erlebt.

Manon: Ich auch nicht …

Manon: Du bist aber nicht zurückgelaufen oder? 😉

Ina: Nein … Ich habe mir Sorgen um dich gemacht und mich für den schnellsten Weg entschieden.

In diesem Moment geht Inas Zimmertür auf und ihre Mutter kommt herein. Ina dreht sich um und sieht, dass ihre Mutter ein Paket hereinbringt.

«Schon wieder eine Bestellung! Wozu brauchst du das Zeugs eigentlich? Es ist ja nicht so, als würdest du im realen Leben noch rausgehen», sagt sie vorwurfsvoll, als sie das Paket auf dem Boden abstellt.

«Ja, ich weiss. Aber mir war langweilig und auf der Metaverse-Party letzte Woche hat mir das Outfit klasse gestanden. Es war ausserdem viel günstiger, weil ich es bereits im Metaverse gekauft habe.»

«Aha», ist alles, was ihre Mutter darauf erwidert, bevor sie die Zimmertür wieder hinter sich zuzieht.

Ihre Mutter gehört zu der Sorte Mensch, die sich mit dem Metaverse zwar abgefunden, sich aber nie darin eingefunden hat. Sie weiss noch, wie die Welt vor dem grossen Launch 2026 war und trauert ihr nach. Ina hingegen ist mit dem Metaverse aufgewachsen und nimmt den Zerfall der realen Welt als unumgänglich wahr.

Trotzdem schaut sie sich gerne die Erinnerungen ihrer Mutter aus der Welt «davor» an. Nach ihrem Ausflug mit Manon hat sie Sehnsucht nach dem Meer. Deshalb verbindet sie sich mit der Familien-Cloud und ruft die alten Alben ihrer Mutter auf. Am liebsten schaut sie sich die Fotos der Algarve an, auf denen ihre Mutter unbeschwert und glücklich in die Kamera lächelt. Heute ist der Glanz in ihren Augen weitgehend erloschen.

Wie seltsam das gewesen sein muss, als man für Abendessen mit Freunden, Partys und Konzertbesuche aus dem Haus ging und dafür auch noch Anreisezeit einberechnen musste. Es gibt wenig, was Ina gerne einmal in der analogen Welt erlebt hätte. Wenn sie einen Wunsch frei hätte, würde sie gerne das Meer riechen und ins salzige Wasser springen können. Da ihre Zone jedoch keinen Meeranstoss besitzt, wird dieser Traum wohl nie in Erfüllung gehen. Sie klickt die Fotos ihrer Mutter an der Algarve weg, als eine Erinnerung auf ihrem Bildschirm erscheint: Let’s get wasted mit Lolo

Ina seufzt. Sie hat ganz vergessen, dass sie noch mit Lolo verabredet ist heute. Rasch läuft sie in die Küche – ihre Mutter besteht darauf, den Raum noch immer so zu nennen – holt sich einen Vitaminsaft aus dem Kühlschrank, scannt ihren Zeigefinder am kleinen Automaten und nimmt die ausgeworfenen Pillen entgegen. Die Nährstoffe sind genaustens auf ihren Körper zugeschnitten, sämtliche Mahlzeiten werden in Form von Pillen eingenommen. «Richtiges» Essen bekommt man nur noch im Metaverse. Ina weiss, dass die Gesundheitskosten mit dieser Optimierung erheblich gesenkt wurden. «Dafür macht essen keinen Spass mehr», grummelt ihre Mutter in regelmässigen Abständen.

Mehr aus Langeweile als Neugierde schaut sie aus dem Fenster auf die Strasse. Wie üblich ist diese menschenleer. Wer sich heutzutage auf den Strassen aufhält, hat entweder noch einen analogen Job oder schlicht nicht die Mittel für die nötigen Geräte, um im Metaverse dabei zu sein. «Die Menschen flüchten sich in eine neue Realität, um den Problemen der alten Realität zu entfliehen», würde ihre Mutter jetzt sagen. Aber wer will schon draussen sein, wenn es dort nur verdorrte Natur und graue Betongebäude gibt? Ina versteht die Wehmut ihrer Mutter beim besten Willen nicht. Der Gedanke, dass der langsame Untergang der Welt hätte verhindert werden können, existiert für sie nicht.

«Mam?», ruft sie in Richtung des zweiten Schlafzimmers. Als sie keine Antwort erhält, geht sie durch den schmalen Gang und stösst die Tür auf. Ihre Mutter sitzt in einem Sessel am Fenster und blättert in einem zerflederten Taschenbuch.

«Schon wieder dieser alte Schinken?», sagt Ina und deutet auf das Buch.

Ihre Mutter schreckt hoch und klappt mit einem schuldbewussten Lächeln das Buch zu. «Ja, ich weiss, aber du kennst mich ja.» Sie besitzt eine Handvoll Taschenbücher, die sie vor der grossen Räumung hat retten können, und hütet sie wie einen kostbaren Schatz.

Ina möchte sich wieder umdrehen, bleibt jedoch unschlüssig in der Tür stehen. «Hast du schon von den Stromausfällen gehört?», fragt sie dann.

Ihre Mutter nickt besorgt. «Es scheint uns jedoch noch nicht zu betreffen. Ich bin später an der Gesellschaftsstunde und hoffe, sie informieren darüber.»

«Ich war heute mit Manon wandern, als sie plötzlich aus dem Metaverse verschwand. So etwas habe ich noch nie gesehen.» Ina schildert, was am Vormittag geschehen war.

«Das hört sich nicht gut an», sagt ihre Mutter besorgt. «Stell dir mal vor, was passiert, wenn sich diese Vorfälle häufen!»

Ina nickt. «Ich möchte es mir lieber nicht vorstellen. Manon und ich haben ebenfalls darüber gesprochen.» Ein ungutes Gefühl beschleicht sie, jetzt da sich nicht nur Manon und ihr rebellischer Bruder, sondern auch ihre eigene Mutter so grosse Sorgen macht.

In diesem Moment beginnt das Handy von Inas Mutter zu klingeln. «Geh ruhig ran, ich bin mit Lolo verabredet», sagt Ina und winkt kurz, bevor sie aus dem Zimmer geht.

Zurück in ihrem eigenen Reich streift sie sich Kopfhörer, Brille und Handschuhe wieder über. Anstatt sich jedoch auf die Laufplatte zu stellen, nimmt sie im Schneidersitz auf dem Bett Platz. Die Abende mit Lolo dauern erfahrungsgemäss immer länger und ausserdem hat sie sich heute schon genug bewegt. Wieder im Metaverse eingeloggt, wählt sie direkt die Bar aus, in der sie verabredet ist, und setzt sich an einen runden Tisch. Lolo ist noch nicht da, was wenig erstaunlich ist. Neugierig lässt Ina den Blick durch die halbvolle Bar schweifen. Niemand kommt ihr bekannt vor. Sie tippt sich an die Schläfe, um ihre Nachrichten zu überprüfen. Ein paar Freundinnen wollen nächstes Wochenende ein Konzert besuchen, ihr Vater hat sich mal wieder gemeldet und ihre Lieblingsmarke preist diverse Sonderangebote an. Ina wischt alle Meldungen weg. Nichts davon interessiert sie momentan. Jetzt da sie einen Moment allein hat, denkt sie nochmals über die Geschehnisse vom Morgen nach. Das ungute Gefühl von vorhin hat sich verstärkt. Ein schrecklicher Gedanke lässt sich plötzlich nicht mehr wegschieben: Was mache ich, wenn das Metaverse plötzlich weg ist? Sie denkt an ihre virtuellen Habseligkeiten, die durch ein Datenleck im Nichts verschwinden könnten.

Bevor sie sich diesen dunklen Gedanken hingeben kann, betritt eine Blondine mit hüftlangem Haar die Bar. Als Lolo sie entdeckt, kommt sie mit ausgebreiteten Armen und breitem Lächeln auf Ina zu.

«Hi Liebes!», ruft sie etwas zu laut und drückt Ina an sich.

Ina hat sich mittlerweile an das virtuelle Umstyling gewöhnt, doch zu Beginn war die Verwandlung von Lorena in Lolo sehr gewöhnungsbedürftig. Die Brille und das braune, schulterlange Haar, wichen von einem Tag auf den anderen perfektem Makeup und der wallenden blonden Mähne, die nicht selten durch farbige Strähnchen gepimpt wurden.

«Hallo Lolo», sagt Ina und drückt ihrer Freundin einen Kuss auf die Wange.

Es dauert nicht lange bis auch unter den beiden Freundinnen die Stromausfälle ein Thema sind. Hat gestern noch niemand darüber gesprochen, scheint sich das Thema wie ein Lauffeuer verbreitet zu haben. Wohl auch deshalb, weil nicht nur Manon, sondern auch andere Nutzer plötzlich aus dem Metaverse geschmissen wurden. Anders als Manon macht sich Lolo überhaupt keine Sorgen. Sie ist fest davon überzeugt, dass das Metaverse nichts erschüttern kann. Noch vor 24 Stunden hätte Ina ihr zugestimmt. Nun ist sie sich da nicht mehr so sicher. Wie um ihre Befürchtungen zu bestätigen, breitet sich in diesem Moment ein unangenehmes Gefühl, ausgehend von ihren Fingerspitzen, im gesamten Körper aus. Ihre Sicht beginnt zu flackern, wie die altmodischen Fernseher, die sie nur aus Geschichten kennt und ein pfeifender Ton setzt ein. Alles beginnt sich zu drehen und ihr wird schwindlig. In schneller Abfolge tippt sie Zeigefinder und Daumen der linken Hand drei Mal aneinander. Anstatt dass sie aus dem Metaverse aussteigt, wird jedoch der Ton in ihrem Kopfhörer immer lauter. Gerade als ihr Trommelfell zu zerreissen droht, wird alles um sie herum schwarz.

Fortsetzung folgt.

Realität

Sie begrüssen sich auf dem beinahe leeren Parkplatz mit einer festen Umarmung. Bereits um acht Uhr morgens ist es ziemlich warm und Ina hinterfragt ihre Entscheidung wandern zu gehen. Ihr Blick fällt auf das Schuhwerk ihrer Freundin und sie zieht fragend eine Augenbraue hoch.

«Du hast dich für diese Schuhe entschieden?», bemerkt sie erstaunt und deutet auf die abgelatschten Turnschuhe, die vermutlich kaum Profil aufweisen.

Manon zuckt mit den Schultern und lächelt.

«Ich sehe, dir ist heute nicht danach, den Schein zu wahren», entgegnet Ina und die beiden gehen los.

Der Beginn ihrer Route führt sie durch einen dichten Pinienwald. Ina breitet die Arme aus, legt den Kopf in ihren Nacken und atmet mit geschlossenen Augen tief ein und wieder aus.

«Herrlich, so ein Ausflug in der Natur», sagt sie mit funkelnden Augen.

Manon, die vor ihr geht, dreht sich um und lächelt spöttisch. «Natur, ja?»

Ina verdreht die Augen und geht weiter. Ihre Freundin scheint heute nicht besonders gut aufgelegt zu sein. Normalerweise spielt sie das Spiel mit.

«Weshalb bist du mitgekommen, wenn dir gar nicht danach ist?», fragt sie nachdem beide eine Weile stumm nebeneinander her gegangen sind.

«Mir war nach Bewegung», antwortet Manon, um dann hinzuzufügen: «Und ich wollte dich mal wieder sehen.»

Ina knufft ihr freundschaftlich in den Oberarm. «Es ist wirklich schön, dass wir uns endlich wieder einmal treffen. Wie läuft es zu Hause?»

«Wie immer. Tobi ist auf Krawall gebürstet und spricht über nichts Anderes als die Revolution.» Tobi ist Manons siebzehnjähriger Bruder und macht gerade seine rebellische Phase durch.

«Die ‹Revolution›! Das sind doch einfach ein paar Teenager, die nicht wissen, was sie mit sich anfangen sollen», entgegnet Ina. Ihre Freundin nickt bestätigend, möchte aber nicht länger darüber sprechen. Ina macht sich keine Sorgen um diese Gruppe von Spinnern. Sie waren ohnehin zu wenig und konnten nichts und niemanden ernsthaft gefährden.

Die herabgefallenen Piniennadeln knirschen unter ihren Füssen und Ina wünschte, sie könnte den reichen Duft der Bäume riechen. Das vermisst sie manchmal.

«Hast du von den Stromausfällen gehört?», fragt Manon und reisst Ina aus ihren Gedanken.

«Ja, ich habe es im Neuigkeitenblitz gesehen. Schrecklich! Nicht auszumalen, wenn das bei mir geschehen würde.»

«Ich schliesse nicht aus, dass es uns ebenfalls betreffen kann. Ich glaube, die Lage ist ernster, als die Regierung durchblicken lässt.»

«Das wäre dann gefundenes Fressen für die Revolution», entgegnet Ina mit einem leicht spöttischen Unterton.

Manon verdreht die Augen. «Ich würde mich an deiner Stelle weniger lustig über die Revolution machen, dafür aber mehr Sorgen darüber, was bei grossflächigen Ausfällen tatsächlich geschehen würde. Glaubst du nicht auch, das würde 99 % der Menschen die Realität rauben? Wie würde es dir ergehen, wenn du plötzlich ohne Strom dastehst?»

Ina hat ihre Freundin schon lange nicht mehr so aufgebracht gesehen. Sie legt ihr einen Arm um die Schulter. «Du machst dir wirklich so grosse Sorgen?»

«Ja und das solltest du auch.»

«Klar, ist die Vorstellung unangenehm. Ohne Strom kann ich meinen Alltag gar nicht mehr bewältigen. Es ist aber nicht so, als könnten wir tatsächlich etwas dagegen tun.»

«Und genau mit diesen Gedanken unterstützt du das System», feuert Manon zurück.

Ina schaut ihre Freundin erschrocken an. «Was ist denn los mit dir? Hat Tobi etwa doch auf dich abgefärbt?»

Manon schüttelt den Kopf und schaut sie entschuldigend an. «Tut mir leid, ich bin einfach ein wenig gereizt in letzter Zeit. Wir wussten schon immer, dass grossflächige Stromausfälle dem System enormen Schaden zufügen können, aber wie so oft wollten wir nicht wahrhaben, dass dies tatsächlich geschehen könnte.»

Sie seufzt tief und schaut ihre Freundin an. Eine tiefe Sorgenfalte zieht sich über ihre Stirn. «Du hast Recht. Wir gehen immer davon aus, dass die Worst-Case-Szenarien niemals eintreten werden.»

«Genau! Erinnerst du dich an die massiven Überschwemmungen vor ein paar Jahren? Wir haben uns sicher gefühlt, bis die Natur zurückschlug.»

«Das stimmt, aber wir haben uns mittlerweile auch besser abgesichert», wirft Ina ein.

«Ich glaube nicht, dass wir uns gegen alles abgesichert haben. Vielleicht sind diese Stromausfälle die Ankündigung der nächsten Katastrophe.»

Bevor Ina etwas erwidern kann, erreichen die beiden jungen Frauen das Ende des Pinienwalds und werden mit einer atemberaubenden Aussicht belohnt. Der Wanderweg verläuft nun parallel zu einer hohen Klippe. Zu ihrer Linken erstrecken sich saftig grüne Wiesen, dreissig Meter weiter unten zu ihrer Rechten das endlos blaue Meer. Es ist eine Szene wie aus dem Bilderbuch und der Grund, weshalb sie sich für diese Wanderung entschieden haben. Dieser Anblick entlockt sogar der angespannten Manon ein Lächeln und lässt die Gedanken beider Frauen an Naturkatastrophen und Stromausfälle in den Hintergrund treten.

Doch die Idylle wird jäh unterbrochen, als Manons Hände plötzlich unkontrolliert zu zucken beginnen. Beide Frauen schauen sich erschrocken an. Manon schnappt nach Luft, unfähig etwas zu sagen. So schnell wie der Anfall gekommen ist, hört er aber auch wieder auf. Manon betrachtet ihre Hände, dreht und schüttelt sie.

«Was war das?», fragt Ina, als sie ihre Stimme wiederfindet. Noch nie hat sie so etwas gesehen.

Manon schüttelt nur den Kopf und lässt ihre Hände wieder sinken. «Ich weiss es nicht.»

«Aber alles okay? Wie fühlst du dich?», hakt Ina besorgt nach.

«Normal, es ist alles gut», beruhigt Manon sie.

Inas Puls beruhigt sich langsam wieder und die beiden Frauen gehen weiter, aber wohl ist ihnen nicht mehr so ganz. Selbst die wunderschöne Aussicht kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass gerade etwas höchst Merkwürdiges geschehen ist. Manon beginnt ein belangloses Gespräch, das von der Situation ablenken soll und Ina macht mit, obwohl sie sich kaum auf die neusten Trends elektronischer Geräte konzentrieren kann.

An dieser Stelle des Weges müssen die beiden Frauen hintereinander gehen, weil sich dieser plötzlich verengt. Linkerhand werden die grünen Wiesen durch einen mächtigen Felsblock verdeckt. Der Wanderweg schlängelt sich nahe dem Abgrund entlang und ist nicht gesichert. Nicht zum ersten Mal spielt Ina mit dem «Was wäre wenn»-Gedanken. Vor ihr bleibt Manon stehen und blickt auf das Meer. Sie tut es ihr gleich und lauscht dem Rauschen der Wellen. Durch die Felswand verstärkt, war es hier besonders deutlich und klar zu hören. Ina betrachtet ihre Trekking-Schuhe, die bereits ganz staubig sind. Wie praktisch, dass ich sie nicht selbst putzen muss, denkt sie bei sich. Obwohl die Wanderung nicht anstrengend ist, geht ihr Atem schneller als üblich. Sie schiebt es auf den Schreck von vorhin und darauf, dass sie sich in letzter Zeit zu wenig bewegt hat.

«Phuu», sagt Ina und streckt die Arme in die Luft. «Ich bin etwas untrainiert geworden.»

Ihre Freundin lächelt. «Wäre ich bestimmt auch, wenn mich Tobi nicht jeden zweiten Morgen zu seinem Lauf mitschleppt.»

«Wirklich?», entgegnet Ina überrascht. «Draussen?»

Manon lacht. «Ja, draussen.» Sie sagt es, als sei es das normalste der Welt.

«Aber ihr könntet doch auch …?»

Doch bevor sie den Satz zu Ende sprechen kann, fällt ihr ihre Freundin ins Wort: «Klar, aber du kennst ja Tobi.»

Ina kennt ihn nicht – oder zumindest nicht mehr. Vor ein paar Jahren hat sie ihn mal gesehen, aber da war er noch ein Junge mit brav gescheiteltem Haar. Dieses Bild lässt sich schwer mit dem Tobi von heute vereinen, der draussen herumrennt und von der Revolution schwafelt. Sie weiss nicht, was sie auf Manons Kommentar erwidern soll, zumal ihre Freundin heute in einer seltsamen Stimmung ist. Sie wechselt deshalb das Thema und beginnt von einer Party zu erzählen, an der sie vor ein paar Tagen teilgenommen hat.

Sie lassen die enge Stelle hinter sich und können bald wieder nebeneinander hergehen. Waren sie zuvor alleine, können die beiden Frauen nun weit in der Ferne zwei weitere Figuren ausmachen, die sich für diese Wanderung entschieden haben. Obwohl die Sonne mittlerweile richtig auf sie herunterbrennt, schwitzen beide kaum.

Noch immer wirft Ina ab und an einen besorgten Blick in die Richtung ihrer Freundin. Sie ist sich sicher, dass diese den Vorfall herunterspielt, um sie nicht noch mehr zu beunruhigen. Doch Manon scheint sich wirklich gut zu fühlen und erzählt munter von ihrem neuen Job. Gerade als sie sich selbst davon überzeugt hat, dass es wirklich nur eine einmalige Sache war, beginnt es erneut: Manons Hände beginnen zu zittern. Dieses Mal hört es aber nicht auf und bald zittert sie am ganzen Körper. Sie scheint sich mehr selbständig bewegen zu können. Manon blickt Ina nur starr mit aufgerissenen Augen an. Dann ist sie weg. Einfach so. Wie vom Erdboden verschluckt.

Fortsetzung folgt.