Morgens auf dem Balkon

Mit geschlossenen Augen dem fröhlichen Gezwitscher der Vögel lauschen

Tief ein- und ausatmen, sich befreit fühlen

Die Augen langsam wieder öffnen

Ins Sonnenlicht blinzeln, glücklich sein

Die gelben Blumen betrachten und ihren süssen Duft riechen

Dann selig lächelnd das Buch aufschlagen

Lesend durch die Seiten fliegen bis die Sonne den Balkon erreicht und es fast zu heiss wird.

Melancholie

Manchmal überfällt sie mich.

Einfach so.

Unangekündigt.

Die Melancholie.

Dann sitze ich am Fenster und blicke hinaus.

In der Hand meine Teetasse.

Fast wie ein Gemälde komme ich mir vor.

Anstatt durch das Glas die Landschaft draussen zu sehen,

blicke ich zurück.

Erinnere mich an das, was war.

An Menschen, die meinen Weg gekreuzt haben, jetzt aber wieder aus meinem Leben verschwunden sind.

An vergangene Erlebnisse, während derer ich nicht wollte, dass sich je etwas ändert.

So plötzlich wie sie gekommen ist, geht sie auch wieder.

Ein sanftes Kopfschütteln und ich bin zurück in der Gegenwart.

Glücklich sein

Manchmal gehe ich nach einem langen Arbeitstag die sonnengefluteten Strassen entlang und lasse mich ganz auf den Moment ein.

Ich atme tief ein und aus, schliesse für einen Moment die Augen und lasse die Sonne auf mein Gesicht scheinen.

Ich beobachte jedes Detail, vom kaputten Pflasterstein zu meinen Füssen bis zum verzierten Giebel hoch über meinem Kopf.

Wie ein Kind, das noch vollstes Vertrauen in die Welt hat, betrachte ich meine Umwelt und bin glücklich.

Glücklich mit mir
Glücklich mit meinen Entscheidungen
Glücklich mit meinem Leben.

Nachtspaziergang

Meine Augen brennen.

Wieder habe ich den ganzen Tag vor dem Bildschirm verbracht.

Ein Blick auf die Uhr: Schon halb neun.

Draussen ist es dunkel und kalt.

Trotzdem noch ein Spaziergang an der frischen Luft?

Ja!

Dick eingepackt mit Kappe und Schal verlasse ich das Haus.

Die Strassen sind beinahe leer.

Leichter Nebel kommt auf.

Irgendwie unheimlich.

Ich kann meinen Atem sehen.

Mit schnellen, zielstrebigen Schritten gehe ich los, die Hände trotz Handschuhe tief in den Jackentaschen vergraben.

Meine Füsse tragen mich zum Park.

Ich möchte einen Blick auf die Aussicht werfen.

Ein paar andere Leute haben die selbe Idee.

Zwei Freundinnen haben eine Kerze und etwas zu trinken mitgebracht.

Unter mir funkelt das Lichtermeer der Stadt.

Ich atme tief ein und aus und schliesse für einen Moment die Augen.

Operation Zukunft

Gedankenversunken läuft sie die Strasse entlang. Die Hochhäuser aus Stahl und Glas, die sich links und rechts der Strasse erheben, nimmt sie kaum wahr. Es ist ein kühler Herbsttag, die schwachen Sonnenstrahlen vermögen den Asphalt nicht mehr zu wärmen. Doch wie sich Kälte anfühlt, weiss sie gar nicht. Ihre Gedanken kreisen um die Auseinandersetzung mit ihrer Chefin von letzter Woche. Ihre Vorgesetzte hatte sie ungehalten angeherrscht und die ganze Abteilung hatte es mitbekommen. Mel steigt sofort wieder die Röte ins Gesicht. Ein Ping ertönt und stört ihre Gedanken. Eine mechanische Frauenstimme warnt: Achtung, negative Gedanken entdeckt. Bitte umdenken. Wollen Sie eine Liste positiver Gedankengänge konsultieren? Sie seufzt und tippt mit dem Zeigefinger zwei Mal an ihre Schläfe. Dann denkt sie an das bevorstehende Essen mit ihrer Freundin Kate. Die letzten zwei Tage hat sie sich bewusst gesund ernährt, damit sie sich heute etwas gönnen kann. Seit sie ihre neue Stelle angetreten hat, kommt es nicht oft vor, dass sie ausgeht. Wenn sie sich also schon einmal die Zeit nimmt, in ein Restaurant zu gehen, möchte sie ungern nur Gemüsesticks essen müssen. 
Das Lokal ist bereits in Sichtweite und ihre Vorfreude steigt. Da Kate oft im Ausland ist, sehen sich die beiden Freundinnen nur selten. Sie betritt das warme Lokal und spürt sofort, wie ihre Kleidung die Temperatur reguliert. 
Kate sitzt bereits an einem Zweiertisch und nippt an einem Glas Wein. Lächelnd geht sie auf ihre Freundin zu und sie umarmen sich herzlich.  
«Gut siehst du aus!», bemerkt Kate, als sie sich gesetzt haben. 
Sie lächelt. Es ist eine Floskel, die sich hartnäckig hält, auch wenn seit der Grossen Reform jeder immer gut aussieht. 
«Ich habe mich die letzten Tage bewusst zurückgehalten, damit wir uns einen richtig schönen Abend machen können», sagt Mel und ihre Augen blitzen vor Vorfreude auf.  
«Braves Mädchen. Ich habe es versucht, aber ein Dessert wird heute nicht drin liegen», erwidert Kate und seufzt enttäuscht. 
«Dann lass uns mal herausfinden, was drin liegt», sagt sie und legt ihren Zeigefinger an die linke Schläfe. Willkommen! Sie haben heute noch 800 Kilokalorien übrig. Dafür können sie aus folgenden Optionen wählen: Grüner Salat, Lasagne, Tiramisu. Oder: Grüner Salat, Pizza Crudo, Panna Cotta. Oder… Die mechanische Frauenstimme zählt so viele Optionen auf, dass Mel irgendwann abbricht. Kate scheint es genau so zu gehen. Gerade verdreht sie die Augen und nimmt den Zeigefinger wieder von der Schläfe. 
«Zum Glück listet sie die Optionen nach unseren Präferenzen auf! Nicht auszudenken, wenn wir uns das alles anhören müssten.» 
Mel nickt. Kurz darauf bringt ein menschenähnlicher Roboter ihre Getränke und den Salat. 
«Ich frage mich schon, weshalb sie den Salat bei jeder Option aufzählt. Er ist ohnehin Pflicht», sagt sie und greift nach ihrer Gabel. 
Kate lacht zustimmend. Im Restaurant befinden sich noch andere Leute, doch deren Gespräche sind nicht hörbar. Jeder Tisch verfügt über eine eigene Schalldämpfung und leise Hintergrundmusik sorgt für Ambiente. Es muss schrecklich gewesen sein, als man sich vor der Grossen Reform ständig mit dem Lärm anderer Menschen herumschlagen und ihre Gespräche mitanhören musste. Heutzutage ist jeder Restaurantbesuch so intim, als befände man sich zu Hause – wenn man mal davon absieht, dass die High-Tech-Mikrofone jedes Gespräch aufzeichnen und auf Bedrohungen überprüfen.  
«Ich habe Neuigkeiten», kündigt Kate freudenstrahlend an. 
Mel sieht sie erwartungsvoll an. 
«Ich wurde für die Operation Zukunft ausgewählt!» 
Sie springt begeistert auf und stösst dabei fast ihr Glas um. «Das ist fantastisch! Herzlichen Glückwünsch!» Sie umarmen sich freudestrahlend. 
Mel selbst wird nie für das Projekt ausgewählt werden. Ihre Position ist zu wichtig, als dass man sie für ein Jahr entbehren könnte.  
«Kennst du deinen Spender schon?» 
«Nein, das werden wir morgen erfahren. Luke und ich sind richtig aufgeregt!» 
«Jetzt verstehe ich auch, weshalb du dein Glas Wein so geniesst», sagt sie augenzwinkernd und hebt ihr eigenes Glas. «Auf euch!» 
Bravo, es wurden gerade Endorphine ausgeschüttet, unterbricht die mechanische Frauenstimme ihren Glücksrausch. Kate sieht sie fragend an, doch Mel schüttelt nur den Kopf. 
«Ich bin heute auf einen Artikel gestossen, der vor der Grossen Reform datiert ist. Im Jahr 2020 gab es anscheinend Bewegungen gegen den Algorithmus!» 
Kate sah ihre Freundin ungläubig an: «Wirklich? Stell dir mal vor, die hätten Erfolg gehabt! Dann müssten wir unsere Entscheidungen ständig selbst treffen. Wie furchtbar!» 


Diese Kurzgeschichte habe ich für das Studierendenmagazin meiner Universität geschrieben, wo sie im Oktober 2020 in gedruckter Form erschienen ist.

2020, wo bist du hin?

Begonnen hast du verheissungsvoll.
Ich hatte so viele Pläne mit dir!
Ein Städtetrip nach Amsterdam im Frühling
Herumreisen in Irland
Konzertbesuche
Geburtstagsfeste
Die Liste liesse sich beinahe endlos weiterführen.

Die abenteuerliche Zuversicht wurde jä ausgebremst.
Das Leben stand plötzlich still.
2020, du kannst nichts dafür.
Dennoch wirst du als ungewöhnliches, ja unbeliebtes Jahr in die Geschichte eingehen.

Aus all den geplanten Erlebnissen wurden Wochenende und Abende zu Hause, ausgedehnte Spaziergänge und zu viele Videocalls.

Der Sommer brachte etwas Normalität zurück.
Treffen mit Familien und Freunden fanden wieder im realen Leben statt und gemeinsam verbrachten wir warme Sommerabende auf der Terrasse unseres Lieblingslokals oder im Garten.
Sogar für den Städtetrip nach Amsterdam hat es noch gereicht.

Ich blicke auf die Datumsanzeige. Es ist bereits September!
Und ich frage mich: 2020, wie bist du trotz Stillstand so schnell alt geworden?


PS: Liebe Leserinnen und Leser von Meleskript
Es war eine ganze Weile still hier. Ich versuche momentan, vermehrt an meinem Romanprojekt zu arbeiten, weshalb meine Kurzgeschichten etwas zurückstecken müssen. Ich werde trotzdem versuchen, vermehrt wieder hier aktiv zu sein und freue mich, wenn ihr mir die Treue haltet.
Liebe Grüsse
Natalie