Es begann schon am frühen Morgen. Der Wecker klingelte und sie benutzte die Snooze-Funktion drei Mal, bevor sie sich rühren und aufstehen konnte. Sie wankte in die Küche und machte die Kaffeemaschine an, um sich anschliessend unter die heisse Dusche zu stellen. Nachdem sie sich angezogen hatte, ging sie zurück in die Küche, wo sie ihren Kaffee trank. Hätte sie es da schon wissen müssen? Der Kaffee schmeckte ungewöhnlich bitter und sie leerte ihn deshalb angeekelt weg. Zeit für einen neuen hatte sie nicht. Sie schnappte sich ihre Handtasche und die Hausschlüssel, wobei sie die kleine Glasschale streifte, in der sie die Münzen aufbewahrte. Sie fiel klirrend zu Boden.
Im Bus fand sie keinen Sitzplatz mehr und musste eingepfercht zwischen drei Jugendlichen, die nach Red Bull und kaltem Zigarettenrauch stanken, die sechs Stationen bis zur grossen Marktgasse fahren. Als sie ausstieg, nahm sie ein paar tiefe Atemzüge, bevor sie die Strasse überquerte und in die Fussgängerzone einbog. Keine zwei Minuten später stolperte sie über einen leicht hervorstehenden Stein des Kopfsteinpflasters. Ein schneller Blick auf ihre neuen Schuhe zeigte, dass diese einen hässlichen und sichtbaren Kratzer abbekommen hatten. Sichtlich schlecht gelaunt, betrat sie den Coiffeursalon, indem sie arbeitete. Ihre Kollegin war bereits da und begrüsste sie freundlich.
Sie schüttelte bloss abwehrend den Kopf. «Heute ist nicht mein Tag», murmelte sie und hängte ihre Jacke im Hinterzimmer auf. Sie warf einen erneuten Blick auf ihre Schuhe, was ihre Laune weiter verschlechterte. Heute hätte sie einen ruhigen Tag gebraucht. Aber es war Freitag und da viele Leute bereits Wochenende hatten, war dies nebst dem Samstag der stressigste Tag der Woche. Wenigstens konnte sie sich auf den Kinoabend mit ihrer besten Freundin freuen. Nur noch elf Stunden und dann würden sie gemeinsam am Kiosk anstehen und sich – wie immer – darüber streiten, ob süsses oder salziges Popcorn die richtige Wahl war. Die Entscheidung fiel auch jedes Mal gleich aus: Sie nahm sich süsses Popcorn und ihre Freundin entschied sich für die salzige Variante. Sie wollte gerade nach vorne gehen, um ihre erste Kundin zu empfangen, als ihr Handy vibrierte. Rasch zog sie es aus der Jackentasche und bereute es sogleich.
Hi Süsse, bin mit Fieber aufgewacht und habe monstermässige Kopfschmerzen. Bin bis heute Abend bestimmt nicht wieder fit. Sehen wir uns den Film ein anderes Mal an? XX
Am liebsten hätte sie das Telefon gegen die Wand geschleudert. Kurz überlegte sie sich, ob sie einfach eine Migräne vortäuschen und den Rest des Tages im Bett verbringen sollte. Dort wäre sie sicher vor allem und allen. Stattdessen tippte sie eine kurze Antwort an ihre Freundin und ging dann in den Salon zurück, wo ihre Kundin bereits lächelnd an einer der Stationen sass. Sie setzte ein Lächeln auf, begrüsste die Kundin mit Namen und begann mit der Arbeit.
Bis am Mittag verlief der Tag ohne grössere Zwischenfälle und sie erlaubte sich, vorsichtig durchzuatmen. Ein schlechter Tagesstart konnte ja jedem mal passieren. Diese Zuversicht wurde dadurch geschmälert, dass sie sich in der Mittagspause mit Sauce bekleckerte und den Fleck nicht aus der Hose rausbekam.
Sie hatte es sich angewöhnt, nicht im Voraus zu wissen, wer als nächstes auf ihrem Stuhl Platz nahm. Es ersparte ihr einige Stunden Ärger, nicht zu wissen, wenn eine unbeliebte Person einen Termin hatte und im Gegenzug freute sie sich umso mehr, wenn unverhofft eine Lieblingskundin zur Tür hereinkam. An diesem Tag hätte sie gut daran getan, mit dieser Regel zu brechen. Denn pünktlich um halb zwei wurde die Ladentür energisch aufgerissen und eine elegante Mittfünfzigerin schritt auf hohen Absätzen in den Salon. Sie kam gerade aus dem Hinterzimmer und hätte am liebsten gleich wieder kehrt gemacht, als sie die Frau sah. Doch es war bereits zu spät: Ihre Kundin hatte sie gesehen und schenkte ihr ein kühles Lächeln. Alle drei Wochen hatte sie das Vergnügen. Alle sechs Wochen stand ein langer Termin inklusive Färben an. Und heute war mal wieder die sechste Woche. Sie stöhnte innerlich, setzte aber ein professionelles Lächeln auf und begrüsste ihre Stammkundin freundlich. Sie hoffte, dass die Kundin heute so beschäftigt war, dass sie während des ganzen Termins frenetisch E-Mails beantwortete und Ihrer Assistentin Sprachnachrichten im Fünf-Minuten-Takt schickte. Doch natürlich war dem nicht so: Sie habe gestern ein wichtiges Projekt abschliessen können und habe bis nächste Woche ausnahmsweise weniger zu tun. Für sie hiess das: Smalltalk. Sie quälte sich durch das Gespräch über die aktuelle Wetterlage und hörte sich die Neuigkeiten aus den europäischen Königshäusern an. Es war für sie immer wieder aufs Neue erstaunlich, dass sich diese erfolgreiche Geschäftsfrau wie ein junges Mädchen in der vordersten Reihe eines Harry Styles-Konzerts benahm, wenn sie über die Adelsfamilien sprach. Sie selbst konnte dem ohnehin wenig abgewinnen, aber dass gerade diese Frau so Feuer und Flamme dafür war, verstand sie nicht.
Sie war froh als sie, zwecks Einwirkung der neuen Farbe, fünf Minuten Pause machen und im Hinterzimmer verschwinden konnte. Dort massierte sie ihre Schläfen. Mittlerweile hatte sie wirklich Kopfschmerzen. Allzu bald war die Schonfrist allerdings wieder vorbei: Sie setzte ein Lächeln auf und kehrte in den Salon zurück. Als sie vorsichtig die Alufolie entfernte, bemerkte sie, wie die Kundin sie musterte.
«Wie lange liegt denn Ihr Coiffeurbesuch zurück?», fragte sie schliesslich und fixierte sie durch den Spiegel hindurch.
«Neun Wochen», erwiderte sie ungerührt und arbeitete weiter.
«Na, das sieht man aber», sagte die Kundin mit einem Kopfnicken in Richtung ihres Haaransatzes. «Wissen Sie, es wird nicht umsonst empfohlen, alle sechs Wochen nachzufärben.»
Sie zwang sich zu einem weiteren Lächeln, obwohl innerlich alles brodelte. Die Empfehlungen gingen auseinander, das wusste sie als Fachspezialistin am besten. Trotzdem hatte die Kundin einen wunden Punkt getroffen: Ihr Termin von vor zwei Wochen war krankheitsbedingt ausgefallen und sie hatte noch keinen neuen abgemacht.
Gerade als sie die Schere ansetzen wollte, sagte die Kundin: «Und Spliss haben Sie auch ohne Ende, dass man sie so überhaupt zur Arbeit lässt!»
Später würde sie nicht mehr sagen können, wie genau alles ablief, denn als sie wieder zu sich kam, stand sie zitternd auf der Strasse, die blitzende Schere noch immer in der Hand. Aus dem Inneren des Salons drang hysterisches Geschrei, dass sie nicht zuordnen konnte. Sie blickte auf ihre Schere und sah, dass nasses Haar daran klebte. Sie drehte sich um und sah, wie ihre Kollegin die wildgestikulierende Geschäftsfrau zu beruhigen versuchte. Als diese sich einmal halb umdrehte, sog sie erschrocken die Luft ein. Auf der linken Seite glich die Frisur – wenn man das denn noch so nennen konnte – einem zerrupften Huhn. Sie schlug die Hand vor den Mund und liess die Schere zu Boden fallen. Dieser Tag war definitiv nicht für sie gemacht.
Sogar die Lokalzeitung nahm die Geschehnisse auf. «Die verrückte Friseuse», titelte sie und bildete eine Aussenaufnahme des Salons ab:
Am vergangenen Freitagnachmittag kam es im Coiffeursalon Elle&Belle in der Innenstadt zu einem unschönen Zwischenfall. Aus heiterem Himmel zerschnitt die Friseuse A. B.* einer ihrer Stammkundinnen das Haar und hörte nicht auf, bevor ihre Arbeitskollegin sie wegzog und vor die Tür stiess. Die Kundin, eine lokale Geschäftsfrau, zeigte sich zutiefst schockiert über diesen Vorfall. Die Frisur war nicht mehr zu retten und musste mit einer Kurzhaarfrisur einigermassen in Form gebracht werden. «Ich fürchtete um mein Leben! Wer weiss: Vielleicht hätte sie mir die Schere auch in den Hals gerammt», sagt die Kundin.
Sie hat umgehend Anzeige erstattet: «Ich möchte, dass diese Person aus dem Verkehr gezogen wird. Sie ist gefährlich», sagt sie über die Gründe ihres Entscheides. Die Kollegin von A. B., die an diesem Tag ebenfalls im Salon anwesend war, berichtet: «Ich kann mir nicht erklären, weshalb A. diesen Aussetzer hatte. Sie erwähnte, sie habe einen schwierigen Tag, aber das wohl der Kunden zu gefährden sieht ihr gar nicht ähnlich.» A. B. wurde noch am Freitag entlassen.
*Name der Redaktion bekannt.
ZUK.