Operation Zukunft

Gedankenversunken läuft sie die Strasse entlang. Die Hochhäuser aus Stahl und Glas, die sich links und rechts der Strasse erheben, nimmt sie kaum wahr. Es ist ein kühler Herbsttag, die schwachen Sonnenstrahlen vermögen den Asphalt nicht mehr zu wärmen. Doch wie sich Kälte anfühlt, weiss sie gar nicht. Ihre Gedanken kreisen um die Auseinandersetzung mit ihrer Chefin von letzter Woche. Ihre Vorgesetzte hatte sie ungehalten angeherrscht und die ganze Abteilung hatte es mitbekommen. Mel steigt sofort wieder die Röte ins Gesicht. Ein Ping ertönt und stört ihre Gedanken. Eine mechanische Frauenstimme warnt: Achtung, negative Gedanken entdeckt. Bitte umdenken. Wollen Sie eine Liste positiver Gedankengänge konsultieren? Sie seufzt und tippt mit dem Zeigefinger zwei Mal an ihre Schläfe. Dann denkt sie an das bevorstehende Essen mit ihrer Freundin Kate. Die letzten zwei Tage hat sie sich bewusst gesund ernährt, damit sie sich heute etwas gönnen kann. Seit sie ihre neue Stelle angetreten hat, kommt es nicht oft vor, dass sie ausgeht. Wenn sie sich also schon einmal die Zeit nimmt, in ein Restaurant zu gehen, möchte sie ungern nur Gemüsesticks essen müssen. 
Das Lokal ist bereits in Sichtweite und ihre Vorfreude steigt. Da Kate oft im Ausland ist, sehen sich die beiden Freundinnen nur selten. Sie betritt das warme Lokal und spürt sofort, wie ihre Kleidung die Temperatur reguliert. 
Kate sitzt bereits an einem Zweiertisch und nippt an einem Glas Wein. Lächelnd geht sie auf ihre Freundin zu und sie umarmen sich herzlich.  
«Gut siehst du aus!», bemerkt Kate, als sie sich gesetzt haben. 
Sie lächelt. Es ist eine Floskel, die sich hartnäckig hält, auch wenn seit der Grossen Reform jeder immer gut aussieht. 
«Ich habe mich die letzten Tage bewusst zurückgehalten, damit wir uns einen richtig schönen Abend machen können», sagt Mel und ihre Augen blitzen vor Vorfreude auf.  
«Braves Mädchen. Ich habe es versucht, aber ein Dessert wird heute nicht drin liegen», erwidert Kate und seufzt enttäuscht. 
«Dann lass uns mal herausfinden, was drin liegt», sagt sie und legt ihren Zeigefinger an die linke Schläfe. Willkommen! Sie haben heute noch 800 Kilokalorien übrig. Dafür können sie aus folgenden Optionen wählen: Grüner Salat, Lasagne, Tiramisu. Oder: Grüner Salat, Pizza Crudo, Panna Cotta. Oder… Die mechanische Frauenstimme zählt so viele Optionen auf, dass Mel irgendwann abbricht. Kate scheint es genau so zu gehen. Gerade verdreht sie die Augen und nimmt den Zeigefinger wieder von der Schläfe. 
«Zum Glück listet sie die Optionen nach unseren Präferenzen auf! Nicht auszudenken, wenn wir uns das alles anhören müssten.» 
Mel nickt. Kurz darauf bringt ein menschenähnlicher Roboter ihre Getränke und den Salat. 
«Ich frage mich schon, weshalb sie den Salat bei jeder Option aufzählt. Er ist ohnehin Pflicht», sagt sie und greift nach ihrer Gabel. 
Kate lacht zustimmend. Im Restaurant befinden sich noch andere Leute, doch deren Gespräche sind nicht hörbar. Jeder Tisch verfügt über eine eigene Schalldämpfung und leise Hintergrundmusik sorgt für Ambiente. Es muss schrecklich gewesen sein, als man sich vor der Grossen Reform ständig mit dem Lärm anderer Menschen herumschlagen und ihre Gespräche mitanhören musste. Heutzutage ist jeder Restaurantbesuch so intim, als befände man sich zu Hause – wenn man mal davon absieht, dass die High-Tech-Mikrofone jedes Gespräch aufzeichnen und auf Bedrohungen überprüfen.  
«Ich habe Neuigkeiten», kündigt Kate freudenstrahlend an. 
Mel sieht sie erwartungsvoll an. 
«Ich wurde für die Operation Zukunft ausgewählt!» 
Sie springt begeistert auf und stösst dabei fast ihr Glas um. «Das ist fantastisch! Herzlichen Glückwünsch!» Sie umarmen sich freudestrahlend. 
Mel selbst wird nie für das Projekt ausgewählt werden. Ihre Position ist zu wichtig, als dass man sie für ein Jahr entbehren könnte.  
«Kennst du deinen Spender schon?» 
«Nein, das werden wir morgen erfahren. Luke und ich sind richtig aufgeregt!» 
«Jetzt verstehe ich auch, weshalb du dein Glas Wein so geniesst», sagt sie augenzwinkernd und hebt ihr eigenes Glas. «Auf euch!» 
Bravo, es wurden gerade Endorphine ausgeschüttet, unterbricht die mechanische Frauenstimme ihren Glücksrausch. Kate sieht sie fragend an, doch Mel schüttelt nur den Kopf. 
«Ich bin heute auf einen Artikel gestossen, der vor der Grossen Reform datiert ist. Im Jahr 2020 gab es anscheinend Bewegungen gegen den Algorithmus!» 
Kate sah ihre Freundin ungläubig an: «Wirklich? Stell dir mal vor, die hätten Erfolg gehabt! Dann müssten wir unsere Entscheidungen ständig selbst treffen. Wie furchtbar!» 


Diese Kurzgeschichte habe ich für das Studierendenmagazin meiner Universität geschrieben, wo sie im Oktober 2020 in gedruckter Form erschienen ist.

Sonntagmorgen

Das Sonnenlicht bahnt sich seinen Weg zögerlich unter dem geschlossenen Vorhang hindurch.

Es tastet sich über den Parkettboden und wirft erste Strahlen auf das Bett.

Ich erwache langsam, bin aber noch nicht bereit, meine Augen zu öffnen. Deshalb drehe ich dem Fenster meinen Rücken zu und döse weiter.

Es ist schliesslich das Vogelgezwitscher, das mich endgültig weckt.

Meine Hand tastet nach dem Smartphone auf dem Nachtisch. Mitten in der Bewegung halte ich jedoch inne.

Wenn ich es jetzt in die Hand nehme und den Flugmodus ausschalte, ist die Idylle des Morgens bereits vorbei.

E-Mails, WhatsApp-Nachrichten, Instagram-Benachrichtigungen und Push-Nachrichten diverser News-Apps würden mich aus meinem gemütlichen Kokon herausreissen. Die Realität würde wie ein unerwarteter Platzregen auf mich niederprasseln.

Das möchte ich heute hinauszögern. Es ist Wochenende. Ich habe keine Pläne. Weshalb mich also bereits von der ersten Minute an all diesen Einflüssen aussetzen?

Anstatt also mein Smartphone in die Hand zu nehmen, greife ich nach meinem Buch. Ich habe es gestern vor dem zu Bett gehen begonnen. Was gibt es besseres, als diesen gemütlichen Morgen wieder damit zu beginnen?

Mein Freund neben mir schläft noch tief und fest. Ich gebe ihm einen Kuss.

Auf Zehenspitzen husche ich zum Fenster und ziehe den Vorhang gerade soweit auf, dass ich genügend Licht zum Lesen habe.

Zurück im Bett ziehe ich die kuschelige Decke wieder eng um meinen Körper und öffne das Buch.

Heute stehe ich erst auf, wenn ich hungrig bin.

Frühlingserwachen

Genau erinnert man sich oft nicht zurück an den Tag, an dem der Winter dem Frühling weicht. Was in Erinnerung bleibt, ist, wie es sich anfühlt.

Morgens gehen wir noch mit Mantel und Schal aus dem Haus. Die kühle Luft umfängt uns. Wir frösteln ein wenig und gehen schnellen Schrittes zur Haltestelle in der Hoffnung, der Bus möge bald kommen.

Wenn wir dann am Mittag eine Pause machen und frische Luft schnappen, wird uns bewusst, dass der Schal plötzlich viel zu warm ist. Wir ziehen ihn aus und wenige Meter später, knöpfen wir auch die Jacke auf.

Zur Feier des Tages setzen wir uns auf eine Parkbank, recken unser Gesicht den wärmenden Sonnenstrahlen entgegen und schliessen die Augen. Wir atmen die Luft tief ein und wieder aus. Es riecht plötzlich anders.

Der Frühling ist da.

Von da an fallen uns auch andere Veränderungen auf. Erste Blumen kämpfen sich durch die Erde und die Bäume beginnen zu blühen. Die Vögel kommen zurück und begrüssen den Menschen mit ihrem fröhlichen Gezwitscher.

Auch die Leute kommen wieder aus ihren Häusern. Sie schlendern durch die Altstadt, setzen sich auf die Sonnenterasse ihres Lieblingscafés oder auf die Wiese im Stadtpark.

Überall sind fröhliche Menschen. Sie lachen, diskutieren, trinken und essen gemeinsam.

Alles erwacht zu neuem Leben.

So sollte es zumindest sein. Denn in diesem Frühling 2020 ist alles anders.

Versöhnung

24. Dezember. Wieder einmal war das Jahr so schnell an mir vorbeigezogen, dass ich kaum mitbekommen hatte, wie die Monate und Jahreszeiten gewechselt hatten. Aber hier war sie wieder: Die Zeit, in der man sich mit sämtlichen Familienmitgliedern versöhnte, um ein friedliches Weihnachtsfest zu feiern. Weiterlesen

Andere Leben

Er sitzt in der Küche und schlürft verschlafen seinen schwarzen Kaffee. Draussen ist noch immer alles dunkel. Das ist immer so, wenn er aufsteht. Jeden Tag klingelt sein Wecker um genau halb 4 Uhr morgens. Er steht im Dunkeln auf und zieht die Sachen an, die er am Vorabend sorgfältig auf seinen Stuhl gelegt hat. Erst als er die Schlafzimmertür vorsichtig zugezogen hat, macht er das schwache Flurlicht an. Diese Vorsicht rührt nicht etwa daher, dass er seine schlafende Frau nicht wecken will. Die rechte Seite seines Bettes ist schon lange kalt und leer. Weiterlesen

Drei Uhr morgens

Drei Uhr morgens. Die Welt ist dunkel. Die Welt ist still. Ich stehe in einem übergrossen T-Shirt barfuss auf dem Balkon und ziehe an meiner Zigarette. Wer jetzt glaubt, ich rauche gemütlich, nachdem ich gerade Nachhause gekommen bin, täuscht sich. Ich habe meine Wohnung heute gar nicht verlassen. Weiterlesen