Realität

Sie begrüssen sich auf dem beinahe leeren Parkplatz mit einer festen Umarmung. Bereits um acht Uhr morgens ist es ziemlich warm und Ina hinterfragt ihre Entscheidung wandern zu gehen. Ihr Blick fällt auf das Schuhwerk ihrer Freundin und sie zieht fragend eine Augenbraue hoch.

«Du hast dich für diese Schuhe entschieden?», bemerkt sie erstaunt und deutet auf die abgelatschten Turnschuhe, die vermutlich kaum Profil aufweisen.

Manon zuckt mit den Schultern und lächelt.

«Ich sehe, dir ist heute nicht danach, den Schein zu wahren», entgegnet Ina und die beiden gehen los.

Der Beginn ihrer Route führt sie durch einen dichten Pinienwald. Ina breitet die Arme aus, legt den Kopf in ihren Nacken und atmet mit geschlossenen Augen tief ein und wieder aus.

«Herrlich, so ein Ausflug in der Natur», sagt sie mit funkelnden Augen.

Manon, die vor ihr geht, dreht sich um und lächelt spöttisch. «Natur, ja?»

Ina verdreht die Augen und geht weiter. Ihre Freundin scheint heute nicht besonders gut aufgelegt zu sein. Normalerweise spielt sie das Spiel mit.

«Weshalb bist du mitgekommen, wenn dir gar nicht danach ist?», fragt sie nachdem beide eine Weile stumm nebeneinander her gegangen sind.

«Mir war nach Bewegung», antwortet Manon, um dann hinzuzufügen: «Und ich wollte dich mal wieder sehen.»

Ina knufft ihr freundschaftlich in den Oberarm. «Es ist wirklich schön, dass wir uns endlich wieder einmal treffen. Wie läuft es zu Hause?»

«Wie immer. Tobi ist auf Krawall gebürstet und spricht über nichts Anderes als die Revolution.» Tobi ist Manons siebzehnjähriger Bruder und macht gerade seine rebellische Phase durch.

«Die ‹Revolution›! Das sind doch einfach ein paar Teenager, die nicht wissen, was sie mit sich anfangen sollen», entgegnet Ina. Ihre Freundin nickt bestätigend, möchte aber nicht länger darüber sprechen. Ina macht sich keine Sorgen um diese Gruppe von Spinnern. Sie waren ohnehin zu wenig und konnten nichts und niemanden ernsthaft gefährden.

Die herabgefallenen Piniennadeln knirschen unter ihren Füssen und Ina wünschte, sie könnte den reichen Duft der Bäume riechen. Das vermisst sie manchmal.

«Hast du von den Stromausfällen gehört?», fragt Manon und reisst Ina aus ihren Gedanken.

«Ja, ich habe es im Neuigkeitenblitz gesehen. Schrecklich! Nicht auszumalen, wenn das bei mir geschehen würde.»

«Ich schliesse nicht aus, dass es uns ebenfalls betreffen kann. Ich glaube, die Lage ist ernster, als die Regierung durchblicken lässt.»

«Das wäre dann gefundenes Fressen für die Revolution», entgegnet Ina mit einem leicht spöttischen Unterton.

Manon verdreht die Augen. «Ich würde mich an deiner Stelle weniger lustig über die Revolution machen, dafür aber mehr Sorgen darüber, was bei grossflächigen Ausfällen tatsächlich geschehen würde. Glaubst du nicht auch, das würde 99 % der Menschen die Realität rauben? Wie würde es dir ergehen, wenn du plötzlich ohne Strom dastehst?»

Ina hat ihre Freundin schon lange nicht mehr so aufgebracht gesehen. Sie legt ihr einen Arm um die Schulter. «Du machst dir wirklich so grosse Sorgen?»

«Ja und das solltest du auch.»

«Klar, ist die Vorstellung unangenehm. Ohne Strom kann ich meinen Alltag gar nicht mehr bewältigen. Es ist aber nicht so, als könnten wir tatsächlich etwas dagegen tun.»

«Und genau mit diesen Gedanken unterstützt du das System», feuert Manon zurück.

Ina schaut ihre Freundin erschrocken an. «Was ist denn los mit dir? Hat Tobi etwa doch auf dich abgefärbt?»

Manon schüttelt den Kopf und schaut sie entschuldigend an. «Tut mir leid, ich bin einfach ein wenig gereizt in letzter Zeit. Wir wussten schon immer, dass grossflächige Stromausfälle dem System enormen Schaden zufügen können, aber wie so oft wollten wir nicht wahrhaben, dass dies tatsächlich geschehen könnte.»

Sie seufzt tief und schaut ihre Freundin an. Eine tiefe Sorgenfalte zieht sich über ihre Stirn. «Du hast Recht. Wir gehen immer davon aus, dass die Worst-Case-Szenarien niemals eintreten werden.»

«Genau! Erinnerst du dich an die massiven Überschwemmungen vor ein paar Jahren? Wir haben uns sicher gefühlt, bis die Natur zurückschlug.»

«Das stimmt, aber wir haben uns mittlerweile auch besser abgesichert», wirft Ina ein.

«Ich glaube nicht, dass wir uns gegen alles abgesichert haben. Vielleicht sind diese Stromausfälle die Ankündigung der nächsten Katastrophe.»

Bevor Ina etwas erwidern kann, erreichen die beiden jungen Frauen das Ende des Pinienwalds und werden mit einer atemberaubenden Aussicht belohnt. Der Wanderweg verläuft nun parallel zu einer hohen Klippe. Zu ihrer Linken erstrecken sich saftig grüne Wiesen, dreissig Meter weiter unten zu ihrer Rechten das endlos blaue Meer. Es ist eine Szene wie aus dem Bilderbuch und der Grund, weshalb sie sich für diese Wanderung entschieden haben. Dieser Anblick entlockt sogar der angespannten Manon ein Lächeln und lässt die Gedanken beider Frauen an Naturkatastrophen und Stromausfälle in den Hintergrund treten.

Doch die Idylle wird jäh unterbrochen, als Manons Hände plötzlich unkontrolliert zu zucken beginnen. Beide Frauen schauen sich erschrocken an. Manon schnappt nach Luft, unfähig etwas zu sagen. So schnell wie der Anfall gekommen ist, hört er aber auch wieder auf. Manon betrachtet ihre Hände, dreht und schüttelt sie.

«Was war das?», fragt Ina, als sie ihre Stimme wiederfindet. Noch nie hat sie so etwas gesehen.

Manon schüttelt nur den Kopf und lässt ihre Hände wieder sinken. «Ich weiss es nicht.»

«Aber alles okay? Wie fühlst du dich?», hakt Ina besorgt nach.

«Normal, es ist alles gut», beruhigt Manon sie.

Inas Puls beruhigt sich langsam wieder und die beiden Frauen gehen weiter, aber wohl ist ihnen nicht mehr so ganz. Selbst die wunderschöne Aussicht kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass gerade etwas höchst Merkwürdiges geschehen ist. Manon beginnt ein belangloses Gespräch, das von der Situation ablenken soll und Ina macht mit, obwohl sie sich kaum auf die neusten Trends elektronischer Geräte konzentrieren kann.

An dieser Stelle des Weges müssen die beiden Frauen hintereinander gehen, weil sich dieser plötzlich verengt. Linkerhand werden die grünen Wiesen durch einen mächtigen Felsblock verdeckt. Der Wanderweg schlängelt sich nahe dem Abgrund entlang und ist nicht gesichert. Nicht zum ersten Mal spielt Ina mit dem «Was wäre wenn»-Gedanken. Vor ihr bleibt Manon stehen und blickt auf das Meer. Sie tut es ihr gleich und lauscht dem Rauschen der Wellen. Durch die Felswand verstärkt, war es hier besonders deutlich und klar zu hören. Ina betrachtet ihre Trekking-Schuhe, die bereits ganz staubig sind. Wie praktisch, dass ich sie nicht selbst putzen muss, denkt sie bei sich. Obwohl die Wanderung nicht anstrengend ist, geht ihr Atem schneller als üblich. Sie schiebt es auf den Schreck von vorhin und darauf, dass sie sich in letzter Zeit zu wenig bewegt hat.

«Phuu», sagt Ina und streckt die Arme in die Luft. «Ich bin etwas untrainiert geworden.»

Ihre Freundin lächelt. «Wäre ich bestimmt auch, wenn mich Tobi nicht jeden zweiten Morgen zu seinem Lauf mitschleppt.»

«Wirklich?», entgegnet Ina überrascht. «Draussen?»

Manon lacht. «Ja, draussen.» Sie sagt es, als sei es das normalste der Welt.

«Aber ihr könntet doch auch …?»

Doch bevor sie den Satz zu Ende sprechen kann, fällt ihr ihre Freundin ins Wort: «Klar, aber du kennst ja Tobi.»

Ina kennt ihn nicht – oder zumindest nicht mehr. Vor ein paar Jahren hat sie ihn mal gesehen, aber da war er noch ein Junge mit brav gescheiteltem Haar. Dieses Bild lässt sich schwer mit dem Tobi von heute vereinen, der draussen herumrennt und von der Revolution schwafelt. Sie weiss nicht, was sie auf Manons Kommentar erwidern soll, zumal ihre Freundin heute in einer seltsamen Stimmung ist. Sie wechselt deshalb das Thema und beginnt von einer Party zu erzählen, an der sie vor ein paar Tagen teilgenommen hat.

Sie lassen die enge Stelle hinter sich und können bald wieder nebeneinander hergehen. Waren sie zuvor alleine, können die beiden Frauen nun weit in der Ferne zwei weitere Figuren ausmachen, die sich für diese Wanderung entschieden haben. Obwohl die Sonne mittlerweile richtig auf sie herunterbrennt, schwitzen beide kaum.

Noch immer wirft Ina ab und an einen besorgten Blick in die Richtung ihrer Freundin. Sie ist sich sicher, dass diese den Vorfall herunterspielt, um sie nicht noch mehr zu beunruhigen. Doch Manon scheint sich wirklich gut zu fühlen und erzählt munter von ihrem neuen Job. Gerade als sie sich selbst davon überzeugt hat, dass es wirklich nur eine einmalige Sache war, beginnt es erneut: Manons Hände beginnen zu zittern. Dieses Mal hört es aber nicht auf und bald zittert sie am ganzen Körper. Sie scheint sich mehr selbständig bewegen zu können. Manon blickt Ina nur starr mit aufgerissenen Augen an. Dann ist sie weg. Einfach so. Wie vom Erdboden verschluckt.

Fortsetzung folgt.

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