Weihnachtsstimmung

Es ist wieder Dezember. Schlagartig hat sich die triste Stimmung des kalten, nassen Novembers in jene des fröhlich glitzernden Weihnachtsmonats verwandelt. Obwohl das Wetter mehrheitlich gleichbleibt – Schnee gibt es seit einigen Jahren kaum mehr anfangs Dezember –, sind alle Menschen plötzlich viel aufgestellter als noch im Monat zuvor. Schlurften sie im November mit gesenkten Köpfen und tief in die müden Gesichter gezogenen Kapuzen die Strassen entlang, wickeln sie sich im Dezember in farbenfrohe Schals ein und verbringen Stunden auf den unzähligen Weihnachtsmärkten.

Die Detailhändler kommen diesem Umschwung nur zu gerne nach. Oder sind es die Konsumenten, die sich den Läden anpassen? Auf jeden Fall beeilen sich die Läden, ihre Weihnachtsbeleuchtung und die festliche Dekoration aufzuhängen und kramen die Weihnachtsmusik aus der untersten Schublade hervor. Schlagartig wimmelt es von Angeboten, Geschenkideen und weihnachtlichen Werbungen. Vorbei ist das Trübsal der vergangenen dreissig Tage. Diese Veränderung fasziniert ihn jedes Jahr aufs Neue. Es kommt ihm so vor, als wäre über Nacht eine kleine Fee durch die Strassen geflogen und hätte die gesamte Stadt inklusive seiner Bewohner verzaubert.

Diese einzigartige Stimmung ist für ihn etwas vom schönsten. Was gibt es Besseres, als überall glückliche Menschen zu sehen? Gut okay, er muss auch zugeben, dass er einen Hang dazu hat, die Weihnachtszeit etwas zu idealisieren. Die Verkäuferinnen und Verkäufer in den Läden sehen auf jeden Fall nicht immer so fröhlich aus wie in der Fernsehwerbung. Trotzdem hat der Dezember für ihn etwas Einzigartiges und Magisches. Um diese Stimmung zu unterstreichen, nimmt er sich jedes Jahr viel Zeit, um seinen Adventskranz zu basteln. Jeden Sonntagmorgen im Advent verspürt er dann diese ganz bestimmte Vorfreude, wenn er wieder eine weitere Kerze anzünden kann.

Seine Samstagnachmittage im Advent verbringt er jeweils damit, durch die Läden zu streifen, um Geschenkideen zu sammeln und andere Leute bei ihren Besorgungen zu beobachten. Manches Mal muss er dabei insgeheim seinen Kopf schütteln und hätte einigen Leuten am liebsten geraten, etwas anderes zu kaufen. Wer braucht schon eine neue Bratpfanne zu Weihnachten? Die kann man sich doch ganz einfach selbst kaufen, wenn man eine benötigt! Am amüsantesten findet er die Paare, die sich liebevoll zanken, wenn sie sich nicht entscheiden können, welches Geschenk nun am besten für die Eltern oder Schwiegereltern passt.

Wenn er jeweils genug hat von den riesigen Kaufhäusern, geht er stattdessen auf den Weihnachtsmarkt auf dem Stadtplatz. Dort saugt er den Duft von Glühwein und gebrannten Mandeln ein. Nicht selten genehmigt er sich einen dampfenden Glühwein und schlendert zwischen den Ständen umher, um das breite Angebot zu begutachten. Am liebsten würde er sich durch den gesamten Markt essen, aber dazu reicht sein monatliches Budget nicht aus.

Sobald er müde wird, macht er sich zu Fuss auf den Weg nach Hause. In seiner Wohnstrasse ist die weihnachtliche Stimmung nicht mehr sehr präsent. Hie und da haben einige Leute einen leuchtenden Stern ins Fenster gestellt, aber die Strasse ist mehrheitlich grau wie immer. Es scheint, als sei die gute Fee nicht bis hierhin gekommen. Er betritt seinen Block und hält wie immer den Atem an, denn im Eingang stinkt es immer fürchterlich nach Zigarettenrauch und Urin. Er nimmt den Lift, der ihn schaukelnd und quietschend bis in die fünfte Etage bringt. Dort steckt er den Schlüssel ins Schloss und schliesst auf. Er stemmt sich gegen die klemmende Tür und betritt die dunkle, schlecht gelüftete Wohnung. Sie ist klein und eng, bietet gerade Platz für eine Person. Das einzig fröhliche in dieser Wohnung ist sein mit viel Liebe gestalteter Adventskranz. Er nimmt ein Streichholz hervor und zündet zwei der vier Kerzen an. Dann lässt er sich auf seinen abgewetzten Sessel fallen und stützt den Kopf in die Hände.

Eine tiefe Trauer kommt plötzlich über ihn. Eine Trauer, die er den ganzen Tag über er zu unterdrücken vermocht hat. Doch zurück in seiner Wohnung umschliesst, sie ihn wieder voll und ganz. Nicht einmal sein Adventskranz oder die Beobachtungen des Tages können ihn da aufheitern. Denn alle Geschenkideen nützen nichts, wenn man niemanden hat, dem man eine Freude machen kann.

2 Gedanken zu “Weihnachtsstimmung

  1. sternfluesterer schreibt:
    Avatar von sternfluesterer

    Was für eine berührende Geschichte! Du hast so viel Atmosphäre eingefangen auf dem Weg, den Deine Zeilen gefunden haben! Und am Ende dann diese Emotion, die, jetzt nach dem Lesen, tief in mir nachhallt.

    Das ist eine besondere Art zu schreiben, ich finde, eine die wirkliches Können, wirkliche Meisterschaft, erkennen lässt. – Nicht, dass ich etwa Literaturwissenschaftler wäre, aber „mein Bauch“ empfindet das. Und der mag Dir sehr gern sagen, dass Du imstande bist, mit Deinen Geschichten Menschen wirklich zu erreichen.

    Es ist sehr schön, sehr anregend, sehr befriedigend, für mich hier bei Dir lesen zu dürfen.

    Liebe Grüße und ein schönes drittes Adventswochenende für Dich, liebe Natalie!

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    • meleskript schreibt:
      Avatar von meleskript

      Und wieder einmal vielen herzlichen Dank für diese lieben Worte. Ich freue mich immer sehr über jeden deiner Kommentare.
      Schön, dass dich mein Text berühren konnte.
      Auch dir wünsche ich ein schönes drittes Adventswochenende.
      Liebe Grüsse
      Natalie

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